Wie wichtig das Wesentliche ist, ruft “Rach, der Restauranttester” auf eine einfache, aber deshalb einleuchtende Art ins Gedächtnis. Obwohl der beliebteste Fernsehkoch der Deutschen, Michelinstern-Besitzer, Buchautor, Lebensmittelprüfer und – das ist mittlerweile seine Hauptaufgabe – Krisen- und Unternehmensberater vor seiner Karriere Philosophie (und Mathe) studiert hat, klingen seine Denkmodelle zwar zunächst schlicht, aber der Wahl-Hamburger spricht die Dinge meines Erachtens richtig an.
Als ein simples Beispiel aus dem aktuellen Interview der Marketingzeitschrift absatzwirtschaft diene hier die Wirtschaftskompetenz des Nachwuchses (und auch der Erwachsenen). Auf die Frage nach den Mindestanforderungen, antwortet Christian Rach (im Bild; Foto: RTL), der mittlerweile selbst zu einer Marke avanciert: ”Dazu fällt mir ein gutes Beispiel ein, als ich kürzlich vor Abiturienten in Deutsch und Mathe am Gymnasium sprach. Die jungen Zuhörer wollten jede Menge von mir wissen, bis ich darum bat, eine Gegenfrage stellen zu dürfen: Was sind Umsatzsteuern und Mehrwertsteuern? 28 Schüler – und keiner wusste das. Selbst bei den Lehrern – betretenes Schweigen. Wir sollten dringend in der Schule ein Fach für wesentliche Wirtschaftsthemen einführen. Sie gehören zum Allgemeinwissen, ohne das wir nicht richtig aufs Berufsleben vorbereitet sind. Dafür darf man gerne hochtrabende Themen in Mathe und Physik zurückfahren, die man nie wieder im Leben braucht.”
Wie viel Kindern, Eltern und Unternehmern spricht er damit wohl aus der Seele? Klar, hört sich so etwas mitunter wie eine Binsenweisheit an, aber klare wie einfache Antworten fallen ja nur deswegen auf fruchtbaren Boden, weil beispielsweise im Wirtschaftsleben noch so viele offene Fragen oder in Vergessenheit geratene Erfolgsformeln für diese Vielzahl von Defiziten sorgen. Auch für diese Kernbotschaft muss man sich nicht mit Philosophie beschäftigt haben, aber eine aufs Wesentliche beschränkte Philosophie ist immer noch besser als gar keine. Rach sagt: Wir kranken in Deutschland an einem großen Leiden, das uns vom Verändern abhält. Die „Ja, aber“-Mentalität. Hier fehlt der Mut, hier fehlt Führung.
Dass Wirtschaft in diesem Punkt von Wirtschaften lernen kann, weil insbesondere in Spitzenzeiten im Gastronomiebetrieb jedes Zahnrad ins andere greifen muss, liegt nahe. Die Rückmeldung von Kunden über Erfolg und Misserfolg ist fast nirgendwo sonst so direkt. Dass so mancher Gastronom ebenso wenig eine Idee zum richtigen Kurs seiner Unternehmung hat wie so mancher Manager oder Inhaber, zeigt “Rach, der Restauranttester” in seiner RTL-Folge zudem sehr hautnah und pragmatisch.
Dort trifft man auf unfähige Geschäftsleute, schlechte Standorte, schreckliche Einrichtungen, chaotische Speisekarten, mieses Essen und ekelige Küchen. Und obwohl man trefflich über das Format der Krisendokumentationsseifenopern streiten kann, finde ich diese Elendsberichterstattung noch erträglich – etwa im Gegensatz zu dumpfbackigen Eltern mit aus der Führung geratenen und damit unerträglichen Kindern. Rach wurde übrigens schon zwei Mal mit einem Preis für Wirtschaftsjournalismus ausgezeichnet, was nicht viel heißt, aber immerhin Qualität andeutet. Meine unter Humor-Gesichtspunkten liebste Folge ist die aus dem Hexenhäuschen in Lengerich mit dem Kultgericht “Hollo Bollo”. Aber schauen Sie selbst – hier (bitte zum Ansehen des Ausschnitts auf “Vorschau” klicken und die vorgeschaltete O2-Werbung einen Moment aushalten).
Schön nachvollziehbar finde ich auch diese Aussage von Christian Rach: “Ich verstehe das Essen als sinnliches Medium. Andere Profis haben das auch erkannt. Krankenhausleiter wissen mittlerweile, dass der Fraß früher die Patienten krank gemacht hat, und bieten heute vielfach gute Kost an. Eine Firma mit einer guten Kantine mobilisiert und motiviert ihre Mitarbeiter. Gesundes Essen kann man also sogar aus strategischen Gründen und Eigeninteresse servieren. Und: Die größten Geschäfte werden häufig beim Essen gemacht.”
Und weil gutes Essen zuzubereiten so eine feine Kulturtechnik ist, darf ich auch die Leser dieses Blogs mit Sternekoch Christian Rach einladen, dieses Drei-Gänge-Menü aus einer orientalischen Suppe mit Hackfleisch-Wantans, gebratenem Zander auf Sauerkraut mit karamellisierten Äpfeln und Blätterteig-Feigentörtchen auszuprobieren. Bon appétit!

Dieses Internet-Tagebuch begleitet Entwicklungen aus der Welt der Märkte und Marken. Gelenkt ist der Blick aus einem besonders anstrengenden Betrachtungswinkel. Gerichtet auf das bunt schillernde Marketing als ganzheitliche Disziplin der kundenorientierten Unternehmensführung. Dabei darf das Entstehen von neuer Theorie und Praxis genauso vorkommen wie tolle Erfindungen, pfiffige Geschäftsideen oder sensationelle Services - aber eben auch katastrophales Kundenmissmanagement. Die Leser und der Autor sind gleichsam interessiert an merkwürdigen Moden, tiefgreifenden Trends und zukunftsweisenden Innovationen. Kurzum: Es geht um Erkenntnisse, die mindestens inspirieren und bestenfalls Nutzen stiften ohne in Form und Inhalt wie schwer verdauliche Wissenschaftskost daher zu kommen. In Anlehnung an den Autor (im Bild) trägt dieses Tagebuch den Titel "Garbers Gazette". Diese veraltete, heute eher ironische Bezeichnung für eine Zeitung deutet an: Dieses Blog treibt vor allem Humor als Haltung - mitunter sogar Schabernack. Vermutlich wagen wir auf dieser Basis den Blick in die Zukunft eher mit Optimismus. Das Leben ist schließlich schon schwierig genug. (Foto: Bernd Hegert)