Ziemlich beste Drogenstrategie

Gerne hätte hier schon längst wieder ein Eintrag gestanden, aber leider war der Autor bis jetzt berauscht. Denn heute hat endlich die “Nationale Strategie zur Drogen- und Suchtpolitik” das Bundeskabinett passiert. Darauf ein Sektkorkenknall!

Berauscht war ich tagelang von anderer Arbeit, denn zum Entzug für einen künftig “trockenen Workaholic” (vgl. Vince Ebert) reicht das Ersparte leider noch nicht. Berauscht zudem von den jüngst veröffentlichten Ergebnissen der neuen “Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung zum Alkohol-, Tabak- und Cannabiskonsum Jugendlicher und junger Erwachsener” (kurz: SdBfgAzATuCJujE o.s.ä.?), für die exakt fünftausend und ein Jugendlicher zwischen zwölf und 25 Jahren befragt wurden. Berauscht bei näherer Beschäftigung vom Bild der Beauftragten für Drogen durch die Bundesregierung, Mechthild Dyckmans (Foto links), und ihrer hoffentlich lupenrein drogenfreien Vita (Warnung vor dem Wulff! Vergangenheitssünden sind nahezu nicht löschbar!). Das Alles musste erstmal richtig sacken gelassen und nüchtern betrachtet werden. Der quasi Branchenreport, lesenswert auch für alle Dealer und legalen Drogenhändler (denn hier brechen womöglich Märkte weg), liefert durchaus genug Gründe, um beherzt miteinander anzustoßen.

Die grundsätzlich erfreulichen Trends lauten: Der Konsum von “Suchtmitteln” (Alkohol, Tabak, Cannabis) geht bei den Zwölf-(!) bis 17-Jährigen zehn Jahren kontinuierlich zurück. Die Raucherquote ist bei ihnen auf einen historischen Tiefstand gesunken. Die Zahl der Cannabis-Probierer ist gegenüber dem Spitzenwert aus dem Jahr 2004 mehr als halbiert. Und der Anteil regelmäßiger Alkoholkonsumenten unter Jugendlichen ist von fast 18 auf knapp 14 Prozent zurückgegangen.

Die Medaille hat wie so oft ein Kehrseite, die weniger schön blitzt: So definiert das Dyckmans-Team den Konsum von mindestens fünf alkoholischen Getränken bei einer Trinkgelegenheit als Rauschtrinken und schüttet dabei nebenbei den mir unbekannten Begriff “Binge Trinken” ein. Schnelle, oberflächliche Recherchen fördern bei Wikipedia nur dies zutage: “In Zusammenhang mit exzessivem Alkoholkonsum von Kindern und Jugendlichen wurde der Ausdruck ,Komasaufen’ (engl. binge drinking) populär, wobei allerdings die Bedeutung des Begriffes weder im englischen noch im deutschen Sprachraum klar definiert ist.” Dieser riskante Alkoholkonsum sei seit 2004 von 22,6 auf 15,2 Prozent gesunken. Andersherum bedeutet das auch: 15 von 100 – nochmal – Zwölf-(!) bis 17-Jährige schädeln sich mitunter komplett zu.

Weniger optimistisch stimmen auch die Daten zu den 18- bis 25-Jährigen: Beim Alkohol langen die jungen Erwachsenen unverändert zu (fast 40 Prozent!). Beim Bing-bong-Trinken (trifft Komasaufen m. E. besser) sind es gar mehr als 40 Prozent. Und die Quote der Qualmer sank beim Cannabis kaum und beim Tabak immerhin um knapp acht Prozentpunkte auf immer noch mehr als 36 Prozent.

Welche Schlüsse lassen die Ergebnisse zu? Auf Konsumentenseite, dass je älter wir werden desto stärker uns der Weltschmerz in Räusche treibt, weil’s anders nicht auszuhalten ist? Dass die Forschungs- und Entwicklungsabteilungen von Bayer bis BASF mal die Hirne und Öfen anschmeissen sollten, um gesunde Alternativen zu entwickeln? Dass Drogenhandel ebenso wie Prostitution als ältestes Gewerbe der Welt doch nicht wegzudenken ist als Ventil einer kaum auszubalancierenden Gesellschaft? Dass “ein Bier” oder “ein Glas Wein” eben doch die Ausnahme sind? Dass Drogenbeauftragte so zwingend wie Drogenberater vielleicht doch so aussehen sollten, als wenn sie schon mal eigene Erfahrungen gemacht hätten? Dass jeder von uns gewissermaßen täglich, spätestens jedoch zur Fastenzeit gefordert ist, seine Drogengepflogenheiten zu hinterfragen? Dass alle Verbote bislang offensichtlich nicht erfolgreich waren? Dass jegliche Verharmlosung, Vergötterung oder Verlustigung im Zusammenhang mit Drogen abzulehnen sind – oder gerade nicht?

So wie im aktuellen Blockbuster “Ziemlich beste Freunde”, der nach meiner Betrachtung zwar ganz amüsant ist, aber doch rauschhaft überbewertet wird, und in dem streng genommen ein schwerbehinderter Reicher von einem arbeitslosen Gettobewohner auch durch die Fütterung mit Joints gefügig und geschmeidig gemacht wird. Ziemlich beste Komik, weil so noch nicht gesehen, fand ich allerdings in dieser Szene:

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Kommentare zu Ziemlich beste Drogenstrategie

  1. Peter

    Lob: Das Lesen des Internettagebuchs macht mir immer mehr Spaß. Solche Beiträge sind nicht nur nett zu lesen, sondern lassen auch die Bewertung der Studienergebnisse hinterfragen…

    …zum Thema: Wie immer weiß man nicht, wie es ohne wäre. Uns fehlt irgendwie die Vergleichsgruppe, also die Gruppe, die ohne Anti-Drogen-Beauftragte, Präventionskampagnen und Verbote lebt. Meine Vermutung ist ganz ehrlich, dass die Vergleichsgruppe desaströser abschneiden würde. Man vergleiche nur mal Großstadtbewohner mit Kleinstadtbewohnern, wo doch bei letztgenannten die gesellschaftlichen Regeln irgendwie fester sind…

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