Jecken-Schützen-Kicker

Den Hass von Millionen erntet hierzulande jeder, der Kritik gegen Karneval, gegen das Schützenwesen oder gegen Fußball sät.  Oder sich gar ersthaft lustig macht. Dies ist eine von vielen Gemeinsamkeiten. Nur ein einziges Mal im Jahr müssen die Anhänger dieser drei Bewegungen allerdings Spaß über sich ergehen lassen: Rosenmontag, denn da sind ja alle Narren los! Darauf ein dreifach kräftiges Helau! Gut Schuss! Ball hoi!

Ohne belastbares Datenmaterial vorlegen zu können: Fußball zählt unter dem Dachverband DFB die meisten Angehörigen im Land. Der Deutsche Schützenbund verweist immerhin auf 1,4 Millionen Brüder und Schwestern. Und die Karnevalsgesellschaften kommen durch regionale Einschränkungen trotzdem bestimmt ebenfalls auf eine erkleckliche Zahl von Mitgliedern. Ob je ein Deutscher ohne Berührung zu einer dieser drei Volksbeschäftigungen sein Leben leben durfte? Und wie viel Lebern wohl die Festivitäten rund herum gekostet haben? Denn gepichelt wird fraglos viel im Dunstkreis tollen Tage, Königsschießen und sonstigen Spielen. Oft viel zu viel.

Im Ergebnis dürfen sich Passanten dann so wie ich am Morgen nach Weiberfastnacht erfreuen an Bildern wie diesen: Auf die Straßenbahn wartend ging mir das tumbe Gurren neben mir so lange auf die Nerven, bis ich endlich meinen Blick an den Fuß einer stattlichen Eiche wandern ließ, wo ein Rudel Tauben sich über einen Flatschen frisch Erbrochenem hermachte. Das Bild muss man am frühen Morgen erstmal wieder aus dem Kopf kriegen. So ein putziges Tiermotiv im bunten Einerlei hätte sicher kaum so viele Befürworter wie das hier abgebildete, das die als Darth Vader verkleidete Alisa dabei zeigt, wie sie in Düsseldorf  eine Straßenbahn stoppt. Mehr als 50.000 Mal wurde das Foto über Nacht auf Facebook als “gefällt mir” angeklickt sowie 11.000 Mal quasi als Freude geteilt. Was Einslive gleich aufspringen lies.

Was so alles gut geht im Internet. Denn weder die Verkleidung noch die Idee sind ja originell, weil schon in der VW-Werbung durchexerziert. Aber immerhin. Denn ansonsten haben humoristisch-kritisch betrachtet die Kostüme und die Witze zu Karneval wenige Hochkunst zu bieten. Auf den Straßen, behaupte ich, dominiert sogar überwiegend Trostlosigkeit hinsichtlich durchdacht mühevoller Verwandlung. Wer meint, ein Hut allein verliehe gleich außergewöhnlich preisverdächtiges Styling, soll es besser lassen. Ebenso reichen drei ins Gesicht gemalte Sternchen nicht. Und auch der in der Bahn mit seinem Handy beschäftigte Napoleon wirkte fad, weil er zur halbwegs passenden, leicht speckigen Uniformjacke eine weiße Jogginghose nebst weißen Fußballstutzen trug.

Uniform ist Pflicht – beim Karneval mindestens im Elferrat, aber ebenso im Schützenverein und auf dem Rasen, am Rand und auf der Tribüne der Fußballarena. Rituale sind unerlässlich. Gattungsspezifische Befehle sind obligat. Zumindest die professionellen Kicker haben aus ihren Farben, Emblemen und Vereinen es bis hin zu globalen Marken geschafft. Fans investieren viel, um stets auf dem neuesten Stand zu sein. Ausgegeben werden in den drei Branchen vermutlich Banktresore voller Milliarden Euro. Ganz zu schweigen von den unzähligen Stunden ehrenamtlicher Helfer und Funktionäre.

Das Vereinswesen in Deutschland – das ist immer wieder erstaunlich – blüht wie der deutsche Mittelstand. Noch. Was blüht bloß unserer Nation, wenn sich diese Strukturen dereinst mal auflösen? Wenn etwa die Polizei streikt und keine Hooligans mehr bewachen will. Oder wenn die Schützen die Unterwanderung durch schwule Königspaare spaltet – wie zuletzt Dirk und Oliver in Münster. Och, gottogott! Oder wenn ein zwar moralisch vielleicht oberpriesterhafter, aber ansonsten ziemlich seltsamer Bundespräsident plötzlich mirnichtsdirnichts Karneval abschafft, etwa weil er als ehemaliger Pfarrer (zweite Wahl!), der  übrigens Thilo Sarrazin “mutig” findet, das unmoralische Treiben und Fremdgegehe satt hat, was doch andererseits im Positiven hohe Geburtenzahlen zum Jahresende zur Folge hat. Tätä-tätä-tätä! Dieser schmackhafte Tusch wird hier sogar noch ergänzt vom Zuckerguss der nachfolgenden, flotten Marschmusik (Vorsicht jedoch bei Allergien – dieses leidenschaftliche Dokument mit schillernden Perlen volkstümlicher Musik dauert fast 15 Minuten!):

 

Dieser Beitrag wurde unter Uncategorized abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>