Vollmundig made in GDR

Über die DDR ist schon vieles gesagt, geschrieben, gesendet worden. Vor allem viel Quatsch. Gleichwohl oder gerade deswegen müssen hier zur rechten Zeit noch mal Erinnerungen aufglimmen, hat diese “Nation auf Zeit” uns doch funkelnde Nuggets der Zeitgeschichte vermacht – auf ewig für schillernde Schinken über unsere Historie.

Immerhin ist die DDR (1945-89) heute quasi schon fast halb so lange tot wie sie zuvor an Jahren existierte. Märkte, Marken, Marketing gab’s dort auch. Nur alles etwas anders, ab und an eher lustig. Und vor allem nicht ganz so ernst wie Marketer in der Marktwirtschaft sonst die Themen nehmen.

Schöne Sprachzeugnisse verraten dabei mehr über die Vergangenheit und rufen wieder wach. Vom Volksmund kultivierte Begriffe und Brands sagen in Kürze anschaulich mehr als tausend langweilige Abhandlungen. Und es lohnt sich zu erinnern. Denn: “Erinnerungen sind kleine Sterne, die tröstend in das Dunkel unserer Trauer leuchten”, las ich jüngst auf der Suche nach einem Trostspruch. Aber warum fällt mir das ausgerechnet bei einem Nachruf auf die DDR ein? Ob ganze 22 Jahre nach dem Ableben noch irgendein überzeugter Fan dem einst halbseitig eingemauerten Staat nachweint? Aber warum ist das eigentlich so abwegig? Haben die Vereinigten aller Länder womöglich sogar umgekehrt von unserem System langsam die Nase voll wegen der dauernden Krisen und Streiks, drohendem Burn-out und im Prinzip überflüssigen Bundespräsidenten, die das Amt wie Kuckucke die Nester verlassen? - Ich frage ja nur.

Ohne jetzt irgendwelche Umfrage-Ergebnisse von Soziologen über die Haltung der Deutschen zur DDR als Beleg auszugraben: Vielleicht sehnen sich ja zumindest die Millionen von “Landlust“-Lesern das beschauliche Leben der auf Grundbedürfnisse orientierten DDR-Wirtschaft herbei. Und wer kennt heute noch tatsächlich die einstige – wie sagt man noch?, ach ja: – “Lebenswirklichkeit”. Die Wahrheit über die DDR liegt vermutlich weiter weg von den Schilderungen der westlichen Schurkenstaat-Vergleicher als uns lieb ist und näher dran an den verklärt klingenden Seufzern von Ehemaligen und Sympathisanten, die bis heute steif und fest behaupten: Alles sei ja nun wahrlich nicht schlecht gewesen in der DDR. Was vermutlich sogar stimmt, obwohl diesem Argument der stechende Makel innewohnt, dass dies früher auch Opas über das Deutschland des autobahnbauenden Hitler sagten.

Zur Auffrischung über echte Errungenschaften der DDR nun aber bildhübsche Beispiele, die uns eine gegen Löschteufel resistente Sprache überliefert: Da wäre der weit bekannte (gestützt? ungestützt?) bombige Begriff “Broiler”, gegen den das hiesige Brathähnchen wie ein dröger Big Mac gegenüber einem saftigen Whopper anmutet. Mitunter erhoben die DDR-Verbraucher den gegrillten Gockel sogar knusperhaft zum “Goldbroiler” (siehe Fotos). Da läuft einem doch gleich das Wasser im Mund zusammen. Wette, davon könnten Wiesenhof und Wettbewerber lernen. Mir unbekannt war auch bislang die Bezeichnung “Blaue Fliese”, wie umgangssprachlich im Scherz das Westgeld hieß – und zwar insbesondere in Anlehnung an unseren 100-DM-Schein, diese einst so harte Währung, die den Wandel auch nicht überlebt hat.

Sehr fein finde ich auch die “Bückware”, unter der Konsumenten der DDR begehrte Artikel verstanden, die nicht in den Regalen, sondern vor den Blicken der Käufer verdeckt unter dem Ladentisch lagerten. Großartig, gewissermaßen Versteckware! Nicht gucken, nicht anfassen. Bückware – da hätte ich als sozialisierter Wessi vorher auf Artikel der Preiseinstiegsmarken getippt, die ganz unten im Regal liegen. Dass im Leben der anderen das Ministerium für Staatssicherheit (Stasi!) volkstümlich “Horch und Guck” betitelt wurde, entbeht auch nicht einer gewissen Komik. Ebenso, dass in Anlehnung an den Volkseigenen Betrieb (VEB) “Kombinat Fortschritt Landmaschinenbau” die ostdeutschen Werktätigen die Bezeichnung “VEB Gleichschritt” erfanden.

Zurück zum Essen: Köstlich, dass der Bismarckhering bei unseren ehemaligen Nachbarn nur “Delkateßhering” hieß, weil jedwede Bezüge auf den ehemaligen deutschen Reichskanzler verpönt waren. Von wegen Servicewüste Deutschland! In der DDR gab es sogar eine Versorgungseinrichtung namens “Dienstleistungswürfel” mit mehreren Behörden unter einem quadratischen Dach. Humorvoll kreierten die liebenswürdigen Zonis damals das ironische Idiom “Edescho” als Kürzel aus “Erichs Devisenschoner” (für die Kleinen unter den Lesern: Erich Honecker war damals die Merkel der DDR)  für einen Kaffee-Mix mit einem 50-prozentigen Ersatzkaffee-Anteil (die älteren Wessis kennen vielleicht noch Lachs-Ersatz).

Mit Blick auf Ihre Zeit und die Länge dieses Eintrags jetzt noch ein verdichtetes Potpourri: Unser Kiosk trug in neuen Bundesländern den deutlich schöneren Namen “Getränkestützpunkt”. Prösterchen und Stößchen! Mjam: Ein Burger hieß nahezu mediteran “Grilletta”, ein Hot Dog nannte sich keck “Ketwurst” (ich kannte bisher nur den Klettverschluss), die Pizza-Version der DDR-Gastronomie kam beim Bestellen von kross klingender “Krusta” und das überkandidelt versnobte ”Ragout fin” wollte dort damals nur bescheiden als Würzfleisch gerufen werden. Wer durch “Sättigungsbeilagen”, wie Kartoffeln, Reis und Nudeln im Gastronomiebetrieben gerufen wurden, einige Pfunde zuviel angefuttert hatte, konnte diese auch drüben abtrainieren. Das blöde Arobic hörte in der DDR aber wenigsten auf den hübschen Namen “Popgymnastik”. Waren Sporttätige dann wohl Popgymnasten, Popgymnastiker, Popgymnasiasten oder einfach nur Popgyms? 

 

Eine ganze Gattung von Vertriebskanälen ist uns mit dem Verschwinden der DDR leider weggebrochen: Intershops, Interhotels und Intertanken. Apropos Transfer: Vor vier Jahren probierte ich – auf einer Wanderung über die älteste deutsche Route namens Rennsteig im Thüringer Wald in einem Ausflugslokal auf dem Inselberg – erstmals in meinem Leben die säuerlich-scharfe Suppe “Soljanka”, die mir der Ober empfahl und dann mit den Worten vorsetzte: “Das einzig Vernünftige, was bei uns von den Russen übrig geblieben ist.” Und wo wir gerade im Tourismus sind: unsere unfallanfälligen Kreuzfahrtschaukeln – so sie nicht an Klippen stranden – schipperten drüben gemütlich als “Urlauberschiff” über die… – ja über welche Weltmeere denn damals? Auch unterhaltsam finde ich aus der Unterhaltungsbranche, dass Dresden wegen seiner Muldenlage kein Westfernsehen empfangen konnte und deshalb umgangssprachlich als “Tal der Ahnungslosen” verschrieen war.

Weiteres Witziges aus Wirtschaft und Arbeitswelt: Bei uns hat sich das “Xeroxen” ja nicht durchgesetzen können. Dagegen wurde der Markenname “Ormig” drüben zur Sachbezeichnung für ein Vervielfältigungsverfahren wie hierzulande das Tempo für ein Papiertaschentuch. Ebenso verhielt es sich mit dem “Polylux” unter den Tageslichtprojektoren. Schnuckelig präsentiert wurde Stolz: Auf der “Straße der Besten” hingen in Betrieben die Porträts der vorbildlichen Werktätigen, die sich im sozialistischen Wettbewerb besonders verdient gemacht hatten. In der Kantine der Metro AG hier in der Düsseldorfer Zentrale hängt dagegen das gesamte Personal - wo bleibt da bitteschön der Leistungsgedanke?

Unschädlich erscheint mir auch diese schnieke Verharmlosung: Das betrieblich nicht registrierte Verschwinden von Gütern aus Lagern oder Vorratsräumen von Geschäften ging in der DDR durch als putziger “Handelsverlust”. Die leichte Untertreibung zieht sich durch selbst im Jubel, womit sich für uns auch hier heute eine Schnitte abschneiden ließe: Während unsere Jugend in der Wortwahl eher zu “voll behindert” neigt, jubelten Mädels und Jungs in der DDR statt “sehr” oder “saugeil” lieber “urst”. Urst? Ja, ein scherzhafter Superlativ beginnend mit ur-. Ist doch prima, knorke, elefantös! Wie urst erst aktuell klänge: “Unser Kunde ist urster König!” oder “Urstiges iPad, wir beten Dich an!” Wobei iPad seinerzeit selbstredend “Elektroplatte” gehießen hätte.

Mein Lieblingsbegriff aus DDR-Zeiten lautet allerdings ”abkindern”. Da rührt und regt sich mein Vaterherz. Bei diesem Prozedere wurde Paaren nach Eheschließung auf Antrag ein zinsloser Ehekredit von bis zu 5.000 Ostmark ausgezahlt – später sogar 7.000 Mark. Bei Geburt eines oder mehrerer Kinder wurde die abzuzahlende Summe entweder gemindert oder galt bei Geburt des dritten Kindes sogar als getilgt. „Abkindern“ hat also nix mit Babyklappe zu tun, sondern war konkret eine zählbare Familienhilfe, die meines Erachtens unsere Bundesfamilienministerin Kristina Schröder (unten im Bild nicht zu sehen) sofort wieder einführen sollte.

 

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