“Ein Herbst für Männer”, spricht der Kaffeeröster auf dem Titel seines soeben für diese Woche erschienenen “Non Food”-Prospektes mit maskuliner Mode auch mich als Herr in den besten Jahren an. Es ist cirka 8.30 Uhr im Tchibo-Shop des Düsseldorfer Hauptbahnhofs und eigentlich will ich etwas ganz anderes, aber aus den drei Kundenschlangen auf engstem Raum lechzen sogar putzmuntere Frauen nach dem Blättchen. Das Begehren ist so groß, dass eine der drei Verkäuferinnen gleich einen Stapel als Nachschub “von hinten” heranschleppen muss. Der Alleinstellungshefthinweis “Das gibt es nur bei Tchibo” überrumpelt mich, mein Interesse ist geweckt, also greife ich mir ein DIN-A-5-Querformat zu Studienzwecken mit folgenden Ergebnissen:
Männer verreisen offenbar besonders im Oktober/November, weshalb ein “neues Koffer-Sortiment” in relativ altbackenem Design als “Störer” gleich auf dem Titelbild mit zwei lässigen Typen in braun-grauen Tönen das Gesamtbild stört. Stilisierte Ahornblätter sind im Heftverlauf ein gestalterisches Stilmittel. Und Sprücheklopfersprache wie diese dominiert und durchzieht das ganze Prospekt: “An nichts denken. Schon gar nicht ans Wetter.” – “Einfach Jacke an. Einfach aus allem raus.” – “Auch mal lockerlassen. Und ich selbst sein.” – ”Endlich mal ankommen. Ganz in meinem Stil.” Dieser Stil erweckt aber doch vor allem den Eindruck, dieses Produktprogramm sei speziell auf im Berufs- und Familienleben leidgeprüfte Männer zugeschnitten, die alle dringend mal raus müssen aus dem Alltag, der sie sonst auffrisst. Ja, geht’s noch? Völlig unglaubwürdig! Die hier abgebildete Klientel sieht nicht so aus, als müsse sie Tag für Tag schuften und leiden und entbehren und in Großstadtschluchten darben. Sie schauen drein, als könnten sie stets an nichts denken (schon gar nicht ans Wetter), als könnten sie in einer Jacke aus allem raus, als könnten sie locker sie selbst sein und als würden sie immer ankommen mit ihrem Stil und mit ihren Natur plattwalzenden Geländewagen.
Dazu gibt es herbstliche Sprenkel nützlicher Informationen wie die “Kleine Lederkunde” sowie Fotos mit Models als ziemlich glattgebürstete Naturburschen, für die vermutlich ein Blockbuster-großes Filmteam zur siebenwöchigen Sieben-Sterne-Reise nach Kanada aufbrechen musste. Dabei hätte es der Spessart auch getan. Soweit so teuer. Obwohl sich das Angebot durch “ausgezeichnete Preise” auszeichnet und trotzdem das Unternehmen nach eigenen Worten dafür “jede Woche neu” für uns da ist, damit “Menschen ihr Leben (…) verschönern können”. Dabei weiß jeder Wanderer, dass es gar nicht schön ist, mit so genannten Outdoor-Klamotten durch die Gegend zu stiefeln, wenn es sich um billiges Zeug handelt, dass nicht richtig sitzt und passt. Insbesondere geeignete Wanderschuhe holen nicht nur Experten wie der ehemalige Harald-Schmidt-Copilot Manuel Andrack sicher besser im Fachhandel für Markenprodukte.
Wie heißt es so schön in Herbert Grönemeyers neben “Currywurst” einzigem erwähnenswerten Song: “Männer haben’s schwer, nehmen’s leicht, außen hart und innen ganz weich, werden als Kind schon auf Mann geeicht.” Ob für sie Tchibos plumpe Ansprache reicht? Männer sind zu sensibel, um Deinen “Kleidersack-Trolley” ins wilde Naturabenteuer mitzuschleifen. Auch Dein dreiteiliges “Polycarbonat-Koffer”-Set mit um 360 Grad rotierenden Rollen sind am Berghang schwere Last. Für Deine Brustbeutel und Hüfttasche sind sie zu modebewusst. Deine drei Kreditkartenfächer in Deiner Lederbörse sparen sie sich sicher, wenn es laut Deiner Prospektbilder ans Ende der Welt geht. Und Deine Fliegermütze (hier im Bild auf dem Kopf des Herrn rechts; nein, nicht der links sich ankuschelnde – seine Kopfbedeckung ist Naturfell!) wirst Du Dir bei den meisten Männern an den Hut stecken können. Tchibo bleib’ bei Deinen Leisten, wäre womöglich die richtige Strategie gewesen, statt sich das Wasser von Starbucks und Co. abkochen zu lassen. Gemütliche Cafés als Systemgastronomie mit ziemlich überteuerten Getränken wären vielleicht eine Alternative gewesen. Statt Anziehplunder zu verbimmeln, zusätzlich im Unterauftrag vom Ökostrom über Film- und Bilddigitalisierung bis zur Simkarte aber auch alles über die Theke zu schieben. Und uns in solcher gedruckter Weise, dass es eine Art hat, vorzugaukeln, so wären wir und ausgerechnet das müssten wir haben, um glücklich zu sein. Selbst Deines Kaffee-Experten Jan Wagenfelds Empfehlung zu “Privat Kaffee Rarität ,Kaffa Forest Estate’” (auweia!) klingt gewagt. Ob ich da noch Lust auf “Zugreifissimo” (sic!) habe, wie Du schreibst? Und wie dann wohl “Schmeckt schwer nach mehr” interpretiert werden muss? Ob Deine Bedienungen im wahren Leben tatsächlich so wie hier Dein bekannter “Franz Grünwald” aussehen, obwohl ich in Deinen Läden noch nie einen Mann wie unten hinter dem Tresen erblickt habe? Und: Nein, ich will kein Trapper sein!

Dieses Internet-Tagebuch begleitet Entwicklungen aus der Welt der Märkte und Marken. Gelenkt ist der Blick aus einem besonders anstrengenden Betrachtungswinkel. Gerichtet auf das bunt schillernde Marketing als ganzheitliche Disziplin der kundenorientierten Unternehmensführung. Dabei darf das Entstehen von neuer Theorie und Praxis genauso vorkommen wie tolle Erfindungen, pfiffige Geschäftsideen oder sensationelle Services - aber eben auch katastrophales Kundenmissmanagement. Die Leser und der Autor sind gleichsam interessiert an merkwürdigen Moden, tiefgreifenden Trends und zukunftsweisenden Innovationen. Kurzum: Es geht um Erkenntnisse, die mindestens inspirieren und bestenfalls Nutzen stiften ohne in Form und Inhalt wie schwer verdauliche Wissenschaftskost daher zu kommen. In Anlehnung an den Autor (im Bild) trägt dieses Tagebuch den Titel "Garbers Gazette". Diese veraltete, heute eher ironische Bezeichnung für eine Zeitung deutet an: Dieses Blog treibt vor allem Humor als Haltung - mitunter sogar Schabernack. Vermutlich wagen wir auf dieser Basis den Blick in die Zukunft eher mit Optimismus. Das Leben ist schließlich schon schwierig genug. (Foto: Bernd Hegert)