Krisen auf Schienen

Noch vor Weihnachten soll laut “Bild”-Zeitung ein “Krisen-Gipfel auf Vorstandsebene” stattfinden. Lieferverzögerungen bei ICE-Zügen hatten angeblich einen Streit zwischen dem Auftraggeber Deutsche Bahn AG und dem Auftragnehmer Siemens AG entfacht. Aber schließlich wollen sich beide Partner bis zum Fest der Liebe wieder lieb haben. An die Kunden ist auch gedacht: Sie bekommen auf Wunsch eine Draisine geliehen. Im ersten Studienversuch für Selbstmobilität ist die Strecke Düsseldorf-Berlin eröffnet.

Diese übertriebene Wortgewichtigkeit à la “Krisen-Gipfel” dürfen Journalisten gerne mal sein lassen. Andernfalls geht es zur Strafe per Draisine auf die nächste Dienstfahrt (gelbes Pressedienstfahrzeug links). Die beiden Unternehmenschefs Rüdiger Grube und Peter Löscher oder ihre Vertreter verhandeln wohl kaum über das Verhindern einer kriegerischen Auseinandersetzung. Elementares regeln sowieso Anwälte über Vertragsstrafen. Wenn überhaupt jemand künftig eine Krise kriegt, dann sind das DB-Fahrgäste, die demnächst wieder irgendwelche “Unannehmlichkeiten” in Kauf nehmen müssen wie wegen Verspätungen und Zugausfällen beim Warten auf dem Bahnsteig schwerste Erfrierungen. Obwohl der Testbetrieb (im Bild rechts) zwischen der NRW-Landeshauptstadt und der Bundeshauptstadt von betroffenen Pendlern und Ausflüglern mit Freude angenommen wurde.

Schon komisch: Mein Blick in vielfach volle Züge belegt doch Bedürfnisse und große Nachfrage. Warum nur schafft es die Deutsche Bahn mit ihrer Marktmacht als einer der größten Auftraggeber hierzulande nicht, seine Lieferanten zur Pünktlichkeit zu erziehen? Oder war die Aufgabe vielleicht nicht klar genug definiert beim Produkt? Die Lieferung von insgesamt 16 Zügen war ursprünglich schon für das Jahr 2011 zugesagt. Zumindest wollte der Logistikkonzern die ersten acht ICE jetzt ab 9. Dezember im vorweihnachtlichen Deutschlandverkehr einsetzen. Mit dem Zitat “Unsere Kunden fühlen sich von Siemens im Stich gelassen” schiebt Fernverkehrschef Berthold Huber meines Erachtens die Verantwortung zu weit weg. Ich glaube eher, dass Kunden voraussichtliche Konsequenzen komplett dem Konzern in Berlin zuschreiben. Zum Foto links: Sagt DB-Chef Rüdiger Grube hier a) “Brav, mein Kleiner.” b) “Ich liebe reine weiße Flächen. Was soll denn da oben der rote Kasten?” oder c) “Fühlt sich gut an, der Bus.”?

Nach der Absage rechnet die Bahn frühestens in zwei Monaten mit den neuen ICE-Modellen mit der traumhaften Typenbezeichung “Velaro”. Das Überarbeiten und Überprüfen der fehlerhaften Computerprogramme für die Zugsteuerung dauert halt – und als regelmäßiger ICE-Nutzer rate ich inständig und zur Sicherheit: “Lasst Euch bitte alle Zeit der Welt.” Denn auf der Fahrt mit flotten 250 Sachen möchte ich nicht Zeuge sein von einem der beiden aufgetretenen Fehler: Erstens riss die Verbindung zur Leit- und Sicherungstechnik ab – ich höre es den Zugbegleiter schon durchsagen: “Bitte bewahren Sie Ruhe! Und legen Sie unverzüglich die Schwimmwesten an!” Zweitens war die Kommunikation zwischen vorderem und hinterem Zugteil gestört – ich möchte aber nicht aus dem Fenster schauen und rechts vom Bordrestaurant überholt werden.

Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU; hier im db-Bild 3.v.r.) reagierte dem Vernehmen nach und wortspielgemäß ”stocksauer” und dies hoffentlich im kuschligen Sitz seiner fliegenden Dienstmaschine. Ein Siemens-Sprecher – gähn! – “bedauerte” die Verzögerung “außerordentlich”. Und die Bahn? Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen. Die DB-Abhängigen vertreiben sich derweil die Zeit über den Twitter-Account @BahnAnsagen, wo ihnen Platz eingeräumt wird “Für alle Lautsprecherdurchsagen, die zu schön sind, um vergessen zu werden”. Lustige Einträge sind dort zu lesen. Hier vier Beispiele von vielen:

“Bitte beachten Sie: Auf Gleis 4 gegenüber steht der IC nach Hamburg, der noch gar nicht angekommen ist.”

“Die Weiterfahrt wird sich in Leverkusen verzögern. Wir werden von einem hochwichtigen Zug überholt.”

“Liebe Fahrgäste, wenn Sie Licht benötigen, sind in Wagen 6 und 7 noch Plätze frei.”

“An das Zugpersonal: Bitte die Türen noch einmal öffnen, damit der Zugführer einsteigen kann!”

Bittschön, verlachen Sie die DB nicht allzusehr. Ärgern entspannt nicht so sehr wie Galgenhumor. Schlimmer ist doch, denn gar keine Lautsprecherdurchsage informiert. Meist kommen Züge sogar pünktlich, was ich als täglicher Pendler trotz der zuletzt 14 Tage mit Dauerverspätungen bestätigen kann. Seien Sie milde gestimmt, denn bald ist besinnliche Adventszeit und Weihnachten, wozu uns die Deutsche Zentrale für Tourismus  (DZT) mit ihrem langjährigen Partner Deutsche Bahn sowie 32 Städtepartnern – kleiner Trommelwirbel! – “eine Weihnachtsapp” zu den Weihnachtsmärkten in Deutschland für Android und für iOS-Geräte in Deutsch, Englisch, Niederländisch und ab dem morgigen Samstag sogar auch auf Französisch und Italienisch (warum nicht ab 1. April zudem in Hindi, Arabisch und Koreanisch?). Das sind gut investierte Milliarden -  die wären für funktionierende Zugtechnik nur vergeudet.

Aber lassen wir doch einfach nur die Kunden sprechen:

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