Wettbewerb fotogener Weihnachtsarmaturen

Es ziert ein Schmuck die Schönheit nur allein, die schön genug ist, auch den Schmuck zu zieren”, wissen wir vom dazu etwas gestelzt formulierenden deutschen Erzähler und Dramatiker Otto Ludwig, der das aber ansonsten ganz gut erkannt hat. Und da aus Persien das Sprichwort überliefert ist, dass Sprichwörter “der Schmuck der Rede” seien, verdichtet das Eingangszitat ziemlich hübsch zutreffend, wovon hier auf der Suche nach reiner Schönheit die Rede ist. Nämlich von Weihnachtsdekoration für Einkaufslust vermittelnde Vertriebsstellen wie den Handel, für Arbeitsatmosphäre aufladende Betriebsstätten und für Ödnis übertünchenden “Öffentlichen Raum”.

Zu einem Fotowettbewerb mit Leserbeteiligung und mit der Bitte um Übermittlung geknipster Zeitzeugnisse sei hiermit aufgerufen: Welcher Ladeninhaber hat sichtbar pfiffige Geschenkideen umgesetzt? Welche Firma flaggt auf ihrem Werksdach ausnahmensweise nicht mit einer armselig knochigen Tanne? Können gar Behörden zum Fest rund um die Krippe kreativ sein? Schicken Sie Ihre Handyschnappschüsse an t.garber@fachverlag.de - und lassen Sie uns teilhaben an adventlichen Freuden insbesondere aus der Geschäftswelt. Aber gern auch an Grausigem innen wie außen, wovon es – wie hier in Bildern zu sehen – garstig vieles gibt. Ist das ganze Geblinke in Fenstern, Gebamsel an Gebäuden sowie Gewuchere in Gärten überhaupt noch politisch korrekt? Das gierige Effektgeheische geht schließlich einher mit gewissenlosem Energieverbraten. Für die verbrauchten Rohstoffe dürfen womöglich Millionen von Polyesterhasen nicht mehr produziert werden. Und wann greift endlich der BUND ein?

Einer der größten Geschmacklosigkeiten dieser anlassgebundenen Art von Schmuck begegnete ich jüngst im Hauptbahnhof von Dortmund. Hübsch verteilt an den Aufgängen zu den Bahnsteigen neben Fahrplan und Ticketentwerter türmten sich auf runden Plattformen plastikummantelte Pseudotannenzweigsäulen mit Goldkugelbehang. Die gleichmäßig verteilten Exemplare der Skulptur gewordenen Nadelmonster auf fiesem Fliesenhintergrund waren weit und breit im gesamten Bahnhof der einzig sichtbare Weihnachtsschmuck zu diesem Zeitpunkt. Kurzum: Bonjour, Tristesse!  Auch anschmiegendes Reiben von Hund, Taube, Mensch am Ausstellungsstück wollten behagliche Gemütlichkeit nicht zum Gelingen bringen. Adventliche Atmosphäre eindeutig Puste- statt Lebkuchen. Zumal in einem auch optisch und akustisch von Hektik und Betriebsamkeit und seltsamen Lautsprecherdurchsagen wabernden Umfeld.

Warum nur mühen sich Menschen völlig erfolglos ab, an ungeeignete Orte wie verordnet Gemütlichkeit zu bringen? Stehen mitunter gar zornige Betriebsräte inklusive aufgebrachter Belegschaft mit Sensen, Fackeln und Mistgabeln bewaffnet vor den Büros von Geschäftsführern und Vorständen, um “Eine Tanne auf jede Etage!” einzufordern? Lässt der globale Wettbewerb gegen Konkurrenten, die es sich Wochen um Weihnachten wahrscheinlich nicht gemütlich machen, noch Platz für dienstlich verordnete Gänsebratenessen, Nikolausbeschenkung und Weihnachtsfeiern? Und setzt “Süßer die Kassen nie klingeln…” nicht doch etwas mehr Kreativität als Glühweintränke und Bratwurstgrill in der Fußgängerzone voraus? Please surprise me! Aber bitte nicht so:

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