WAZ betreibt Anti-Marketing

Ein weiteres Opfer der Krise in der Medienbranche erzeugt im nahen Umfeld aufrichtige, bemerkenswerte sowie zum Teil treffende und zum Teil süße, naive Beileids- und Solidaritätsbekundungen. Dabei kommt der plötzliche Tod der “Westfälischen Rundschau” (WR) als eigenständiger Regionalzeitungstitel in Dortmund und Umgebung so überraschend nicht. Gleichwohl offenbart das Aus wieder Bedenkliches und steht quasi als Musterbeispiel für Anti-Marketing. Vor allem aber darf das Exempel passend herhalten für oberflächlichen Betroffenheits- und Verlautbarungsjournalismus, für katastrophale Managementfehler im Mutterhaus des WAZ-Konzerns sowie für das überwiegende Egal-Gefühl der Masse, denn wie Thomas Thielemann unter dem Titel “Pfeifen im Blätterwald” richtig analysiert, scheint ”dem Rest der Republik das ,Zeitungssterben’ piepenhagen”.

Schon “Frankfurter Rundschau” und “Financial Times Deutschland” hätten schließlich seit Jahren “auf der Absägeliste der Holzmedien weit oben” gestanden, schreibt er in “konkret“, der laut Eigenporträt ”einzigen linken Publikumszeitschrift Deutschlands”, in der einst immerhin Autoren wie Adorno, Böll, Reemtsma, Sartre oder Schily sich verewigt haben. Viel Wahres nennt Thielemann zur Begründung der “Gleichgültigkeit des Publikums”. Leider muss ich trotzdem eingenickt sein beim Lesen spätestens ab der Passage “Der Niedergang der Presse entspricht dem Aufstieg des Neoliberalismus, den wiederum die Presse nach Kräften unterstützt hat.” Denn die Verdammnis habe Einzug gehalten “als die bürgerlichen Medien im Chor das Evangelium des Marktes verkündeten”. Undsoweiterundsofort. Bescheiden nachgefragt: Geht es “konkret” und anderen Printtiteln abseits der bürgerlichen Presse tatsächlich besser?

Zurück zu den Fakten im Fall WR: Seltsam, dass bei einer verkauften Auflage von 115.000 Ausgaben keine profitablen Kundenbeziehungen aufzubauen sind. Für die Fehler der WAZ-Konzernführung und ihrer verlängerten Arme reicht grundsätzlich der Platz zum Aufzählen hier nicht aus. Als Herumdoktern an Sypthomen des Niedergangs dürfen die Gegenmaßnahmen getrost gesehen werden. Auf fundierte Marktforschung fußende Produktentwicklung, die mit marktgerechter Preisgestaltung über gezielte Vertriebskanäle inklusive wirksamer Promotion das Geschäft entwickelt, bin ich in Häusern wie diesen selten gestoßen. In der von Essen aus gesteuerten Zeitungsgruppe gehörte dazu etwa der zwischenzeitlich geplante Umbau von Geschäftsstellen zu Leserläden, der dann nach erheblichen Investitionen doch gestoppt wurde. Zu den letzten Mitteln zählt zuletzt das Aufstocken der Redaktionen um eine zweistellige Stellenzahl, die im Herbst noch intern als Offensive verkauft wurde, um dann jetzt die Reißleine zu ziehen. Geradezu frech und verlogen liest sich in diesem Zusammenhang übrigens die Pressemitteilung der WAZ Mediengruppe, in der vordergründig von “Umstrukturierungen” die Rede ist - verbunden mit Wörtern wie “zukunftssicher” und “grundlegend saniert”. Ein Hohn. Die Kernbotschaft darin lautet ebenfalls irreführend “Die bisherige Redaktion der Westfälischen Rundschau wird geschlossen.” Prompt saß “Spiegel online” dem Bären auf und eröffnete: “Seit Jahren Verluste in Millionenhöhe (…) Deshalb entschloss sich das Unternehmen, nun die Redaktion der Lokalzeitung zu schließen.” Die 120 gekündigten Mitarbeiter wissen, wie es hätte heißen müssen: Der Konzern schließt nun alle Redaktionen der Regionalzeitung sowie vermutlich auch die WAZ-Lokalredaktionen der Region – und damit mehr als exakt 24 Redaktionen. Das hört sich nämlich schon anders an.

Die Reaktionen von Mitfühlenden klingt aufrichtig und glaubwürdig. Benachbarte Kollegen (hier links im Bild ein Beispiel aus der tagsdrauf erschienenen WAZ) ist nach Scherzen und Schadenfreude nicht zumute. Wobei es sonst mit der Solidarität etwa in Streiks nicht so weit her ist unter Journalisten. Anna Mayr schreibt in Erinnerung an ihre Zeit bei der WR als Nachwuchsjournalist unter dem Titel “Du bist Zeitungskrise” hier als Gastautorin für die “ruhrbarone – Journalisten bloggen das Revier” einen gut gemeinten Abgesang gefüllt mit echter Trauer. Sie will zur Sicherheit jetzt Lehrerin oder Unternehmensberaterin werden. Lob, aber auch Kritik auf ihren anrührenden Beitrag äußern Leser und Nichtleser. Der eine fordert spontan ”GEZ-gebühren auch für verlage”. Auf der anderen Seite gibt es die berechtigte Forderung nach Qualität als Überlebensgarantie, wenn beispielsweise ”Tortist” fragt: “Welche Existenzberechtigung hat Journalismus, den immer weniger Menschen lesen und bezahlen wollen?” Wie in jeder Branche gibt es im Arbeitsleben hier und da Unfähige und Faule. Aus meiner Erfahrung quälen sich die meisten Kollegen leidenschaftlich. Aber nicht immer mit befriedigenden Ergebnissen. Und herausragend wandlungswillig oder innovativ ist unsere Zunft nun auch nicht gerade.

Kurzum: Die sich häufenden Einschläge sind struktureller Natur, aber zu einem satten Teil auch hausgemacht. Dabei stinkt der Fisch oft vom Kopf. Komisch, dass offensichtlich zu wenige gute Manager an die Spitze dieser Unternehmen drängen. Der Tod der “Westfälischen Rundschau” kommt wahrlich früh, aber nicht unerwartet. Dabei hatte der ehemalige Geschäftsführer Bodo Hombach der WAZ-Gruppe doch einst im absatzwirtschaft-Interview noch laut trompetet: “Die Regionalzeitungen werden ihre Beerdigungsfeier überleben”. Ist nicht eher zu glauben, dass nun weitere Schließungen folgen werden?

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