“Wetten, dass…” im Arbeitsamt

Diese Meldung rüttelt selbst den müdesten vom anstrengenden Wochenende kräftig Ausgelaugten beim montäglichen Frühstücksfernsehen am Arbeitsplatz wach: Die Beschäftigten der Bundesanstalt für Arbeit (BA) nutzen das eigens für sie entwickelte Mitarbeiterfernsehen „BAdirekt“ intensiv. Den Erfolg und die Wirkung des Angebotes bewegter Bilder in der Behörde haben jetzt Kommunikationsforscher der Fachhochschule Düsseldorf in einer quasi repräsentativen Studie nachgewiesen. Um jegliche Hemmung zu lösen wurde das befragte Arbeitsamtspersonal einem umfangreichen Programm aus Wellness inklusive Mani- und Pediküre unterzogen.

Was natürlich völlig an den Haaren herbeigezogen ist, denn hier ging es um harte Wissenschaft namens „Empirische Evaluation des Mitarbeiterfernsehens BAdirekt“. Ergebnis: Die BA-Glotze wird nicht nur rege genutzt, sondern erzielt sogar “messbare Wissenseffekte”, so die Forscher. Das wird den BA-Vorstandsvorsitzenden Frank-J. Weise (im Bild), der zuvor übrigens eine beeindruckende Karriere bei der Bundeswehr und sogar in der Industrie vorlegte,  sicher außerordentlich freuen – er darf es hier nur nicht so zeigen. Jedenfalls belegt die Studie: 82,5 Prozent der befragten Beschäftigen nutzen das 14-tägige Mitarbeiterfernsehen ab und zu, knapp zwei Drittel (= 64,6 Prozent) bestätigen, dass sie konkrete Anregungen für ihren Arbeitsalltag durch “BAdirekt” erhalten. BAdirekt erziele zudem “sendungsbezogene Wissenszuwächse bei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Bundesagentur”, heißt es erfreulich weiter. Bei allem Respekt: Nach dem neuerlichen Anstieg von mehr als drei Millionen Arbeitslosen scheint das hier ausgegebene Geld doch an anderer Stelle sinnvoller ausgegeben, oder? Keine Frage: Arbeitsamtsmitarbeiter müssen als Prellbock mitunter den ganzen Frust von Erwerbslosen ertragen, also sind Schulungen zur Erhöhung der Frustrationstoleranz sicher nötig. Aber ob “Schulfernsehen” dazu geeignet ist? Und ob “Wetten, dass…” im Quizformat wirklich nicht ablenkt und den erhofften Lernerfolg beschert?

„Die identifizierten kognitiven, emotionalen und konativen Wirkungen des Mitarbeiterfernsehens, helfen uns bei der anstehenden Neuausrichtung von BAdirekt“, lobt John-Philip Hammersen, Leiter Presse und Marketing, den Nutzwert der Forschungsstudie. Das Zentrum für Kunden- und Mitarbeiterbefragungen (ZKM) habe dafür eine Zufallsstichprobe von 3.000 Mitarbeitern gezogen. Letztlich machten Hunderte, so dass die Wissenschaftler von einer repräsentativen Studie sprechen. Studierende waren in dem einjährigen Projekt durch das Modul „Wissensmanagement und E-Learning“ des Bachelor-Studiengangs „Kommunikations- und Multimediamanagement“ eingebunden. „Mit ihren Recherchen zu anderen Mitarbeiter-TV-Angeboten und zu Wissenstests haben die Studierenden eine zentrale Grundlage für das wissenschaftliche Modell der Studie gelegt“, würdigt Prof. Dr. Sven Pagel den Anteil der Studierenden. Sowohl einzelne Sendebeiträge als auch der Jahresplan von BAdirekt seien dabei kritisch unter die Lupe genommen und Empfehlungen für die Bundesagentur für Arbeit entwickelt worden. Etwa dergestalt, ab und an lustige Zeichentrickfilme einzustreuen und Liebesfilme auszusenden? Diese berechtigten Fragen bleiben unbeantwortet.

Allerdings: Das Forscherteam will sich weiterhin intensiv mit dem Forschungsfeld Mitarbeiterfernsehen beschäftigen. Im Januar beginnen Sven Pagel und Horst Peters mit ihrem Team eine bundesweite Studie zu Corporate TV, die Effekte von Mitarbeiterfernsehen für Unternehmen aller Größenklassen bis Ende des Jahres 2013 untersuchen wird. Der Forschungsschwerpunkt Kommunikationsforschung ist ein vom Land NRW anerkannter Forschungsschwerpunkt der Fachhochschule Düsseldorf. Mit den beteiligten Fachbereichen Wirtschaft, Design sowie Sozial- und Kulturwissenschaften ist er interdisziplinär ausgerichtet. Die Kompetenzbereiche liegen im Bereich Bewegtbildkommunikation in Internetmedien, Web- und Software-Usability sowie Empirische Wirtschafts- und Sozialforschung. Ziel des Forschungsschwerpunkts sei “die Generierung wissenschaftlicher Erkenntnisse an der Schnittstelle von Betriebswirtschaftslehre, Medieninformatik und Kommunikationswissenschaften bei der Untersuchung von Medienkommunikation und Marketingkommunikation”. Wenn sich die Wissenschaftler da mal nicht übernehmen. Aber solange sie nicht bei den BA-Mitarbeitern vorstellig werden müssen…

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