Sicherheit sieht anders aus: Erneut erschüttert ein Lebensmittelskandal das Vertrauen von Verbrauchern in industriell gefertigte Nahrungsmittel. Nach Ekeldönerfleischspießen, Durchfallkrankheitskeimsprossen, Massenmasthähnchen im Antibiotikamixmantel und mit Polychlorierten Biphenylen gesättigten Bio-Eiern (PBBE?!) servieren uns Versorger wie Edeka und Real jetzt Ponyhack etwa in der “Gut & Günstig Lasagne Bolognese” (mhhhh, “mit sonnengereiften Tomaten und Kräutern”). In einigen Fällen dieses neuerlichen Kundenmagentests sollen sogar zur Betäubung des Verdauungsapparates auch gefährliche Medikamente mit dem Hottemax in solcherlei merkwürdigen Microwellenfraß gelangt sein. Bon appétit!
Für die Vollalarm läutenden Medien ist dies – ein albernes Wortspiel sei hier erlaubt – ein gefundenes Fressen. Die Online-Redaktionen allein von Focus und Spiegel setzen einen gigantischen Häcksler an, um feinste Häppchen der größten Gemeinheiten aus der Lebensmittelaufzucht und -verarbeitung vor Augen, Mund und Magen zu führen. Unschuldig wie das lustige Bäuerchen eines aufstoßenden Babys beeilt sich dabei die letztgenannte, einstige Qualitätsinstanz unter den Medienhäusern einen prima Fauxpas rund um das nebenstehende Foto zu berichtigen: “Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Artikels stand in der Bildunterschrift, zu sehen seien Pferde bei einem Metzger in Rumänien. Tatsächlich zeigt das Bild Schweinehälften bei jenem Schlachter, beim laut französischen Behörden Pferdefleisch in die Handelskette geraten sein soll.” Das sagt hierzu alles.
Aber der Aufgeregtheitsjournalismus gehört diesmal nicht zentral gegeißelt. Gehöriger geächtet scheint mir das gourmetlose und verlogene Gehabe zwischen Anbietern und Abnehmern. Industrie und Handel dürfen sich nicht wundern, wenn wohl kaum ein Kunde bekennen würde: “Wir lieben Euch.” Dabei sind Slogans dieser innigen Beziehung gerade doch so angesagt – etwa “Wir lieben Lebensmittel” (Edeka) oder “Ich liebe es” (McDonald’s). Mehr Transparenz, Kommunikation und Qualitätskultivierung empfehle ich völlig unentgeltlich insbesondere den marktbeherrschenden Größen. Gemeint sind konkret Herkunftsnachweise und -garantieren, vereinfachte und einfach zu verstehende Kennzeichnungen sowie beispielsweise über liebevoll angerichtete Verkostungen auch die Schulung zu gutem Essen und Trinken. Andernfalls – wer nicht hören will, muss fühlen – ist noch mehr Kontrolle und Strafe durch Vater Staat und Mutter Aigner mit ihren Behörden angesagt. Ganz sicher werden sonst weiterhin solche Filme mit Vorwürfen wie “dreiste Täuschungen” weiter auf Sendung gehen (Versprochen, der Stachel namens Foodwatch wird sich immer tiefer in Euer Fleisch hineinbohren – bin aber mal gespannt, ob die jemals das Einkaufsverhalten deutscher Verbraucher auch kritisieren):
Ja, sicher wird schon hier und da viel gemacht, aber Ruhe da! Denn offensichtlich noch nicht genug. Dummerweise sind die Deutschen beim Einkauf und in der Küche besonderes harte Nüsse, wenn es ums angemessene Investieren geht.Auf der anderen Seite müssen die meisten Kunden hierzulande besser die Klappe halten. Wer so scharenweise in Discounter rennt und mit jeder Thekenkraft gleich eine Grundsatzdiskussion anfängt, wenn die Scheibe Wurst “ein bisschen mehr” kostet, der hat es auch nicht besser verdient, als Abfälle auf den Tisch zu bekommen. Nach meiner Beobachtung feilschen oft sogar diejenigen besonders vehement, die es gar nicht nötig haben.
Ein einleuchtendes Beispiel dafür, dass man in der Regel das bekommt, was man verlangt, liefert in angeregten Diskussionen über Lebensmittelsicherheit immer wieder und nicht müde werdend ein befreundeter Importeur von italienischen Wurstspezialitäten: Wer glaube, dass ein ganzer Ring “Delikatess Schinken-Fleischwurst” in der 650-Gramm-Packung zu 1,89 Euro bei Aldi nach Abzug aller Kosten (Logistik, Marge usw.) auch noch für die Qualität von Produktinhalten stehen könne, müsse sich “allen Ernstes fragen lassen, ob er noch ganz richtig tickt”, wie mein kleiner Choleriker ungefähr zu sagen pflegt. In der Tat will uns Werbung nicht selten für dumm verkaufen und gehört bei allzu dreisten Versprechen angeprangert, aber will jemand wirklich aus bräsiger Gutgläubigkeit oder impertinenter Ignoranz all den leicht zu durchschauenden Aussagen aufsitzen (in der vorangegangenen Schilderung zum Fleischwurstring sogar nachrechenbar), die schlicht nicht stimmen können?
Jedem, der nun entgegnet, gute Lebensmittel könne sich doch eine fünfköpfige Familie mit Normaleinkommen gar nicht leisten, gebe ich völlig Recht. Erlaubt sei allerdings auch die Frage an alle Betroffenen: Geht wirklich nicht mehr? Oder weniger? Zeigt mir Eure Handy-, Internet-, Amazon- und Ebay-Rechnungen – und ich sage Euch, was Ihr für gute Lebensmittel, gesundheitsfördernden Sport und inspirierende Kultur übrig hättet. Ach, und über Sinn und Unsinn, mindestens zwölf Mal pro Woche minderwertiges Fleisch zu essen, dürfte auch jeder Depp ohne Ernährungswissenschaftsstudium eine klare Stellung beziehen können, aus der eine gesunde Haltung erwächst. Und betrachten wir zum Schluss neben der Einzelbetrachtung nun noch das Ganze mit gesellschaftspolitischer und bevölkerungsentwicklungstechnischer Dimension, wird das Defizit doch deutlicher, dämonischer: Wir schaffen schon jetzt keine nachhaltige und vertretbare industrielle Produktion von Lebensmitteln für weltweit etwa sieben Milliarden Menschen, von denen jede Menge nicht mal ausreichend zu Essen haben. Wie soll das dann erst im Jahr 2050 für die dann berechneten neun Milliarden Erdbevölkerung funktionieren? Prost, Mahlzeit!
Und was jetzt wohl als nächstes kommt? Haifischflosse in Tiefseescholle? Ameisenblut in Apérol? Frettchenfötusfleisch in Fertigfrikadellen? Bock in Wurst? Und wann steigen endlich die Luxusmarkenartikler in die Leckerschmeckerbranche ein? Artischockenherzen im strassbesetzten Glas von Armani, Rollmops von Rolls-Royce, Aufbackbrötchen von Bugatti und – in putzigen Döschen mit Ornamenten – vollmundige Venusmuschelrüssel von Vuitton. Alles bitte nicht über einen Großauftrag als “Sonderedition feiner Aldi” erhältlich. Licht in Sicht: Immerhin will die EU jetzt – wie man heute liest – den Weg für gentechnisch aufgemotzte Produkte ebnen, weil in den USA bald ein Gen-Lachs grünes Geleit bekommt. Das sei konsequent in Bezug auf das jüngst beschlossene Freihandelsabkommen zwischen den USA und Europa. Man darf gespannt sein, was dann noch alles unter unsere Messer und Gabel kommt aus dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Das monsterhafte Viech aus der Familie der Salmonidae hört übrigens auf den Namen „Aquadvantage“, wächst doppelt so schnell wie normale Artgenossen – und wirft Filets ab so feist wie Hüpfburg-Kissen.
Dieses Internet-Tagebuch begleitet Entwicklungen aus der Welt der Märkte und Marken. Gelenkt ist der Blick aus einem besonders anstrengenden Betrachtungswinkel. Gerichtet auf das bunt schillernde Marketing als ganzheitliche Disziplin der kundenorientierten Unternehmensführung. Dabei darf das Entstehen von neuer Theorie und Praxis genauso vorkommen wie tolle Erfindungen, pfiffige Geschäftsideen oder sensationelle Services - aber eben auch katastrophales Kundenmissmanagement. Die Leser und der Autor sind gleichsam interessiert an merkwürdigen Moden, tiefgreifenden Trends und zukunftsweisenden Innovationen. Kurzum: Es geht um Erkenntnisse, die mindestens inspirieren und bestenfalls Nutzen stiften ohne in Form und Inhalt wie schwer verdauliche Wissenschaftskost daher zu kommen. In Anlehnung an den Autor (im Bild) trägt dieses Tagebuch den Titel "Garbers Gazette". Diese veraltete, heute eher ironische Bezeichnung für eine Zeitung deutet an: Dieses Blog treibt vor allem Humor als Haltung - mitunter sogar Schabernack. Vermutlich wagen wir auf dieser Basis den Blick in die Zukunft eher mit Optimismus. Das Leben ist schließlich schon schwierig genug. (Foto: Bernd Hegert)