Alemannische Angst – für mehr Managementmut in allen Lebenlagen

Keine Angst, mutige wie anhängliche Fans seltsamer Stoffe! Dieses Tagebuch führe ich fristlos weiter nach einem kurzen Innehalten zur beruflichen Neuorientierung. „Garbers Gazette“ gönnt sich, ungeduldigen Gazellen gleich, den Sprung in die Unabhängigkeit und die Freiheit wie sonst nur Nestflüchtlinge den Abflug ins unbekannt Neue wagen. Mal ehrlich: Schwanken wir nicht alle viel zu sehr zwischen Sicherheitsdenken und Abenteuerlust – und lassen uns leider leiten vom Erstgenannten allzu oft? Nehmen wir nur das Klammern am Arbeitsplatz trotz arroganter Aufschneider, abscheulicher Ausbeuter und vorgesetzter Amateure. Dabei ist doch die Abhängigkeit zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern verkehrstechnisch gesprochen keine Einbahnstraße. Also auf, auf: Mut zur selbstbewussten Selbstständigkeit! Furchtgetriebenes Festhalten findet sich zwar selbst in Freizeitvorhaben und reicht sogar bis in Privatbeziehungen. „Das schaff‘ ich nicht (mehr)“, rufen allerdings nur resignierend Beharrliche nach ihrem schlimmsten Potenzialkiller. Warum eigentlich, was haben wir denn zu verlieren? Nun, hierzulande überwiegt halt der Bammel besonders, was jetzt wieder Wissenschaftler beweisen.

635185_web_R_by_uschi dreiucker_pixelio.deIm internationalen Vergleich gehören wir Deutschen zur vorsichtigen Spezies, ergab die aktuelle Studie. Dabei maßen die Forscher in 53 Ländern den Grad der Risikoeinstellung. Die erstaunlichen Ergebnisse veröffentlichten sie in „Management Science“, worauf es im Internet ausgerechnet auf „Pups online informs org“ ein Hinweis gibt , was der Seriosität gleichwohl genug Luft zum Atmen gibt. „Die deutsche Angst ist nicht nur sprichwörtlich, sondern zumindest bei Gewinnerwartungen real“, konstatieren Prof. Marc Oliver Rieger von der Universität Trier (im bewölkten Bild unten), Prof. Mei Wang (WHU Vallendar) und Prof. Thorsten Hens von der Uni Zürich. Das Team hat in der Befragung untersucht, wie die Risikoabwägung den Umgang mit Geld beeinflusst. Zwar würden wir Risiken auch beim Treffen von Entscheidungen abwägen, wenn es um Sportarten oder Medikamenteneinnahme geht, doch quasi mit dem Portemonnaie als Wegweiser wirke sich Vorsicht und Mut umfänglich auf Konsum, auf Finanzwirtschaft und auf Versicherungswesen aus, eröffnen die wissenschaftlichen Ermittler zur Relevanz-Spannweite.

RiegerGenerell bevorzugten Probanden überwiegend sichere Optionen, wenn es um mögliche Gewinne ging. Waren dagegen Verluste zu erwarten, wählten sie riskantere Varianten des Geldeinsatzes. Dieses Entscheidungsmuster gelte weltweit, doch in der Ausprägung der Risikopräferenzen greifen große Unterschiede. Grundsätzlich gilt: Menschen in reicheren Ländern sind tendenziell weniger bereit, Risiken einzugehen, wenn mögliche Gewinne in Aussicht stehen. Zweitens spielen kulturelle Unterschiede – hier mit Kennzahlen aus der Soziologie bestimmt – eine große Rolle. So waren die Befragten, wenn es ums Riskieren möglicher Gewinne ging, in anderen deutschsprachigen Ländern und sämtlichen skandinavischen Nationen eindeutig mutiger. Das wiedererstarkte Deutschland, die Heimat der „Landhasen“? Diesen bildschönen Begriff schenkte mir kürzlich ein erfolgreicher IT-Unternehmer als Umschreibung für wenig angriffslustige Bangebuxen im Sport. Klar, die Norweger und die Finnen und die Schweden – allesamt wenig überraschend furchtlos, weil vom Normannen und Wikinger geprägte Gefahrensucher. Denn wie heißt es im Gedicht „The Battle of Maldon“ zurecht angsteinflößend: „þa stod on stæðe, stiðlice clypode wicinga ar, …“ Genau: „Da stand ein Bote der Wikinger am Ufer, rief tapfer aus, …“ Eben tapfer, nicht teutonisch.

„Angst schadet – Mut stärkt.“

Novalis

Denn generell gilt für Germanen, darunter allgemein die Alemannen, die Franken oder die Langobarden, ja selbst die Sachsen und sogar die Vandalen: Fluchtvieh. Historisches Halbwissen liefert eindeutige Indizien dafür. Etwa wenn Prof. Jürgen Udolph vom Zentrum für Namensforschung aus Leipzig zwar einerseits im irritierenden Interview behauptet, Anatolien sei nicht die Urheimat der indogermanischen Stämme, andererseits müssten bei Analysen dringend die Gewässernamensforschungsergebnisse berücksichtigt werden. Tja, und da reicht zur Angstforschung ein Blick auf die Liste der deutschen Flüsse und Seen: Mulde nebst Leine, Lippe mit Itter, Pöppelsche und Hoppecke, Twiste plus Bastau, Ammer oder Geiseltal, Kummerower und Pulvermaar, schließlich Stechlin – aus solchen Namen schnitzt man keine furchtfreie Eisprinzessin.

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

PS: Die prima Angstaugenblicke stammen von Uschi Dreiucker (oben) und von C. Falk (unten) – beide über pixelio.de.

PPS: Verhaltenstheorien, die „eingeschränkten Rationalitäten“ insbesondere bei Entscheidern im Management nachgehen, bilden übrigens auch einen Forschungsschwerpunkt in der ehemaligen Bundeshauptstadt Bonn. Dem ökonomischen Entscheidungsverhalten widmet sich dort aktuell der bislang einzige Deutsche, der mit einem Wirtschaftsnobelpreis ausgezeichnet wurde. Der Volkswirt und Mathematiker Prof. Dr. Reinhard Selten erklärte mir im Herbst des vergangenen Jahres im Interview auf die Frage, welches Managementverhalten für Marktorientierung nach neuesten Erkenntnissen maßgeblich sei: „Langfristige Gewinnerwartungen sind schwierig zu definieren und schon gar nicht zu maximieren. Wachstum ist also so einfach nicht zu steuern. Unsere Untersu­chungen haben Anspruchsanpassungs­theorien im komplexen Managementver­halten bestätigt. Wir haben in Experi­menten etwa gesehen, dass Menschen im Planungsprozess mehrere Ziele verfolgen – auch Risiken abzusichern, obwohl sie ohne Absicherung mehr verdient hätten.“

PPPS: Jahrestag feiert übrigens „Angst essen Seele auf. Der Film von Rainer Werner Fassbinder erschient vor fast genau 40 Jahren, zählt zum zentralen Werk des Regisseurs und soll weltweit Filmemacher beeinflusst haben. Der Titel hat sich zum geflügelten Wort entwickelt und fand sogar schon Verwendung in einer Episode der Fernsehserie „Die Simpson“. Das Melodram über die Missachtung von Minderheiten mit der unnachahmlichen Brigitte Mira in der Hauptrolle als Emmi Kurowski neben dem schick benamsten El Hedi ben Salem als Marokkaner Ali (daher zunächst der abstruse Arbeitstitel „Alle Türken heißen Ali“) scheint in Zeiten von Zwickauer Zelle mit Zombies wie Zschäpe aktueller denn je.

PPPPS: Interessant, zur Bedeutung germanischer Stämme heißt es über die „Alamannen“, sie hätten sich dort breit gemacht, wo nach dem Jahr 260 die Römer das rechtsrheinische Dekumatland vermutlich wegen Lust- und Bedeutungslosigkeit aufgegeben hatten. Damals seien diese Eingeborenen „eine Mischung aus Stammesgruppen der Semnonen, Burgundionen, Rätovariern, Brisigaviern u. a.“ gewesen, weshalb die ursprüngliche Namens-Bedeutung für „zusammengespülte und vermengte Menschen“ stehe. Die Alemannen hätten den Rhein als Grenze anerkannt und waren nur deshalb geduldet. Erhebe also bitte nie wieder ein Hiesiger das Wort gegen Zuwanderung.

Dieser Beitrag wurde unter Uncategorized abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.