Alles smart, oder was?

SmartLive

„Willkommen im intelligenten Zuhause“ heißt es unter diesem Bild mit einem an Rauhfasertapete geklebten Tablet-PC. Heimeligkeit sieht anders aus, smarte Unterkünfte nicht. (Foto: Uni Siegen)

Smart“ scheint mir zurzeit zum ziemlich abgenutztesten Modewort überhaupt zu avancieren, weil ungeübte Sprachakrobaten insbesondere aus dem Marketing gerne englische Begriffe unbedacht übertragen. Alles und nichts ist plötzlich „smart“: Smart Business, Smartphone, Smart Home, Smart TV, Smartcard, Smartboard, Smartshopper, „Smart(er) Planet oder eben auch Smarties bis hin zur allseits beliebten smarten Smaragdeidechse (im Bild unten). Die Uni Siegen kommt jetzt auch noch mit dem Forschungsprojekt SmartLive“ hinter den sieben Bergen hervor. Die wildwuchernde Verbreitung ist eine unschöne, geradezu unsmarte Seuche. Und bedarf hier entsprechend einer eingehenden Behandlung inklusive smarter Bekämpfung.

501958_web_R_K_by_Heiko Hausmann_pixelio.de

Smart Look der schnuckelig schauenden Smaragdeidechse. (Foto: Heiko Hausmann/pixelio.de)

Das zumindest Zweischneidige dürfte Recherche-Freudigen beim ersten Blick in einschlägige Nachschlagewerke auffallen: Als „clever, gewitzt“ und dem schönen Beispiel „eine smarte Marketingleiterin“ einerseits sowie andererseits als „von modischer und auffallend erlesener Eleganz; fein“ am Beispiel „smart aussehen“ erklärt der Duden das Adjektiv. Das Englischwörter-Onlinebuch von Pons („Hallo Welt.“; sic!) übersetzt zwar smart auch mit schlau, clever und intelligent, aber auch mit Schmerz, brennen, leiden. Zusammengefasst also ein brennend-schmerzendes Leiden. Was sollen Konsumenten daran begehren? Alternativ meint der Ausdruck mit Ergänzung sogar klugscheißerisch („smart-alec“), lasergelenkte Bombe („smart bomb“) oder gewieft-raffiniert („street-smart“). Positive Besetzung sieht sicher smart ganz anders aus. Unterm Strich einigen wir uns darauf, dass eigentlich immer, wenn der Begriff „smart“ fällt, besonders besserwisserische, ausgekochte Bürschchen am Werke sind. Früher hießen die bei Milky Way noch sympathisch schlicht „Schlauberger“.

Smart Dresscode im Knigge-Stilclub

338186_web_R_by_Rike_pixelio.de

Was soll daran schlau sein, seine Füße (hier: Pfoten) im Schnee zu wärmen? (Foto: Rike/pixelio.de)

Menschen vom Typ dieser Schnäppchenjäger, die der Handel so hartnäckig zu penetranten Preisvergleichern erzogen hat. In der Werbung hat dies dazu geführt, dass sich zwischen Traditionsmarken wie Spee („Die schlaue Art zu waschen“) und Schwäbisch Hall („Auf diese Steine können Sie bauen“) die Füchse als Symboltier für gerissene Cleverness nur so die Klinke in die Hand geben. Bei hippen jungen Marken gilt der Fuchs dagegen als ausgestorben. Als Symbole müssen angebissene Äpfel oder sich die Schädel spaltende Bullen herhalten. Media-Markt wirbt lieber mit Sprüchen, die vermeintlich klugen, gegenüber Verkäufern Misstrauischen in den Mund gelegt werden („Ich bin doch nicht blöd!“). Ausgesprochen blöd schwätzt übrigens Katharina Starley im „Stilclub“ unter knigge.de daher: „Obwohl nicht besonders originell, lohnt es sich, in die graue Masse der Anzugträger einzutauchen. Auch Frauen machen das – dann, wenn sie Karriere machen wollen.“ Bei ihr erfahren wir sogar, „was  um Himmels Willen“ der „Smart Business Dresscode“ zum Auftritt bei „Smart Business Events“ bedeutet. Ich hoffe, die Klamotten kriegen die Motten.

sh-fuchs

Schlaufuchs ob bei Schwäbisch Hall oder für Spee: ein Symboltier für Cleverle.

Für „Smart Research and Development“ dürfte ins Neudeutsche übersetzt die Forschung und Entwicklung durch Co-Kreation und durch die Einbindung von Nutzern in „Praxlabs“ stehen, was wiederum vermutlich ausgedeutet als Laborarbeit mit Praxisbezug verstanden werden will. Der Ansatz ist lobenswert, denn schlimmer geht’s nimmer: Die Flopquote aller Einführungen von Fast-moving Consumer-Goods in DeutschlaHaufe_Warum_Produkte_floppennd liegt laut Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) immerhin zwischen 50 und 60 Prozent. Diese erschreckende Tatsache hatten im vergangenen Jahr noch einmal Tina Müller und Hans-Willi Schroiff in der Öffentlichkeit vor Augen geführt. Für ihr gemeinsames Buch „Warum Produkte floppen“ hatten sich Müller, aktuell Chief Marketing Officer (CMO) und Vorstandsmitglied bei Opel, und Marktforscher Schroiff als ehemalige Henkel-Führungskräfte zusammengetan und darin „Die 10 Todsünden des Marketings“ erklärt. Die fehlende Markt- bzw. Konsumentenorientierung und der Mangel an einzigartigen wie relevanten Produkt- und Markenkonzepten hinter Neueinführungen stehen dabei in ihrer Defizitliste ganz vorne. Ob „Open Innovation“ oder „Common-based Peer Production“: Dass Unternehmen interessierte Verwender im Produktentwicklungsprozess beteiligen ist mittlerweile mehr als ein Trend, sondern gehört zu Systematik, marktgerechte Neuheiten zu (er)finden.

Smart Live im Smart Home

Schön also, dass Forscher an der Uni Siegen gemeinsam mit Nutzern neue Lösungen für ein intelligentes Zuhause entwickeln, auch wenn sie es „SmartLive“ betiteln, was aus besagten Gründen zweifelhaft erscheint. Auch wenn ich selbst mal einem Kunden aus der Touristik für eine Dauerkarte regionaler Angebote mit Preisnachlässen den Vorschlag „Smart Card xy“ vorgeschlagen habe; aber da passte dies wenigstens. Ein gewieftes Leben möchte lieber nicht führen. Das genannte Forschungsprojekt soll Bedürfnisse von Nutzern ermitteln, die in ihren eigenen vier Wänden übers Mobiltelefon oder über den Computer in Tablettformat beispielsweise die Raumtemperatur regeln wollen. Das Bundeswirtschaftsministerium unterstützt die Wirtschaftsinformatiker bei einem Gesamtbudget von 1,2 Millionen Euro dabei über drei Jahre. Namhafte Partner aus der Industrie beteiligen sich wie die Devolo AG aus Aachen, die in Europa zu den führenden Firmen mit Kommunikationslösungen auch für Zuhause gehört und dort mit dem Produkt „dLAN“ Einzug hält, indem Adapter einfach etwa das Stromkabel anzapfen, um es für die Datenkommunikation im Haus zu nutzen.

545870_web_R_K_by_Raphael Reischuk_pixelio.de

Merke: Auch angeblich schlaue Eulen können dösig gucken. (Foto: Raphael Reischuk/pixelio.de)

Die erwarteten Erlebnisse und Technikgestaltungen im intelligenten Haus möchte Junior-Professor Gunnar Stevens vomLehrstuhl „Human-Computer-Interaction“ mit Testkonsumenten erforschen. Ihre Wünsche stünden im Mittelpunkt.  Gemeinsam mit privaten Haushalten möchte das Projekt-Team stimmige Richtlinien entwickeln, die die Gestaltung der neuen Technologie einfacher machen. Es geht um Benutzerfreundlichkeit, um Komfort und um Sicherheit. Beispielsweise gehe es um die Steuerung der Geräte im Haushalt. Ein „Smart Home“ könne zwar Daten liefern, wie viel Strom welches Gerät verbraucht. Doch ob der alte Kühlschrank ersetzt werden muss oder das angelassene Licht im Flur ein Vermögen kostet, erfährt der Nutzer nur dann, wenn die Technik die Daten in Euro umrechnet und etwa Stromkosten sichtbar werden. Ziel sei ein Baukasten-System, sagt Projektleiterin Corinna Ogonowski, das kleine und mittlere Unternehmen für die Entwicklung neuer Produkte verwenden sollen. Noch suchen die Forscher einige Freiwillige in Privat-Haushalten aus der Region Siegen-Wittgenstein. Einzige Voraussetzung: das Vorhandensein eines smarten Phones und eines schnellem Internetanschlusses. Auf die Ergebnisse bin ich gespannt.

Dieser Beitrag wurde unter Uncategorized abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.