Marketing für alte Menschen

Das Marketing steht kopf im Zielgruppen-Spektrum zwischen alten Märschen für junge Kameraden und jugendlicher Krawallkomik über alte Menschen. Für Erstgenanntes steht das oben auf dem Filmkanal-Youtube vom Dingsbums der Bundeswehr präsentierte Fundstück „Alte Kameraden“; jener Klassiker der Militärmusikgeschichte mit hier zugefügten Kommentaren zum Gruseln, dass unsereins hören und sehen vergeht. Fürs Zweitgenannte haben vermutlich hemmungslose Heranwachsende erstens diesen üblen Absturz alter Männer auf einer Wippe gefilmt und zweitens ganz unten im Film „bewusst verletzend“ unsere Senioren rundum auf den Kieker genommen. Obwohl doch heuer viel über mopsfidele Rentner mit prall gefüllten Portemonnaies  die Rede ist, scheinen Menschen jenseits der 49 Lenze immer noch auf wenig Interesse zu stoßen bei Marketern. Ja, haben Prokuktentwickler, Serviceentdecker und Werbungtreibende denn nicht mehr zu bieten als folgendes, mir einzigartig in Erinnerung haftende Alte-Angebot? Nämlich den allseits beliebten Seniorenteller.

Symbol neuer Mobiliät alter Menschen: Rolli. Foto: Rainer Sturm/pixelio.de

Alte Menschen: reif und anspruchsvoll

Im Alter geht’s bergab: aussagekräftiges Symbolbild zwischen Senioren-Massaker mit Motor-Säge und Rotkäppchen-Reisegruppe. Foto: Bernd Kasper/pixelio.de

Abseits kleinerer Portionen in Speiselokalen kommt’s mir so vor, als gäb’s weiter nix Zugeschnittenes auf ältere Semester. Das beginnt damit, dass in der einstigen Bastion des Schlagers fürs Senioren-Radiovergnügen, WDR 4, mittlerweile für die nachgewachsenen Alten aus den 60er- und 70er-Jahren jetzt Blues & Rock und wie früher die „Hottentottenmusik“ hieß, bzw. sie von der Vorgänger-Generation  gescholtenen wurde. Das geht weiter bei der Gestaltung von Schriftgrößen, die meines Erachtens allzu mickrig kaum lesbar für Leute ohne Lupenbrillen sind. Reif und anspruchsvoll sollte das Angebot fürs potente Publikum der Golden Ager sein. „Reif und anspruchvoll“, so lese ich in der Schweizer Zeitung NZZ ist indes nur die Zielgruppe der Senioren. Das Qualitätsbewusstsein der Klientel heben Händler hervor, offensichtlich ohne darauf einzugehen. Dabei wächst die Zahl der Betagten, die zudem beharrlich auf dem Erdball bleiben. Sie haben mehr Geld und mehr Zeit als die Greisengeneration vorheriger Zeiten. Sie wollen weniger Komplexität, also doch bloß mehr Einfachheit. Sie brauchen mehr Vorlauf, buchen beispielsweise deutlich häufiger als Jüngere ihre Reise zwei Monate vor Antritt und versichern sich gegen Reiserücktritt in doppelt so großer Anzahl wie das Jungvolk. Kombinieren Sie selbst: Dahinter steht eindeutig das Bedürfnis nach Sicherheit, das mit einem Kleinenbisschen an Geschäftsinn nebst Geschäftsidee befriedigt werden könnte. Die drei zuvor genannten und gefetteten Kaufkriterien etwa verkörpert von einem Wecker in wertvoller Ausführung mit selbsterklärender Technik und automatischer Frühaufsteherfunktion am Reisetag. Denn alte Menschen stehen IMMER quasi tageweise früher auf als nötig vor Abfahrt.

Gestenreiche Handreichung: Alte Menschen helfen jungen Langschläfern beim Aufstehen. Foto (gedreht): Rike/pixelio.de

Modemuffel und Verkehrshindernisse

Beliebteste Farbe von Mode für Betagte scheint beige zu sein. Leider können es insbesondere älter Frauen keinem recht machen: Flotte Farben und flippige Formen verzeiht man ihnen ebensowenig wie hoheitliche Hüte nebst Entenmotiv-Schals. Strass-Applikatonen auf Jeans-Potaschen müssen sicher auch altersunabhängig nicht sein. Naja, und alte Männer, die in kurzen Hosen ihre Krampfadern plus schon gelbliche Tennissocken in Sandalen präsentieren, gewinnnen keinen Fashion-Preis. Als Teilnehmer des Straßenverkehrs stehen oder schleichen sie Schnecken-gleichen Hindernissen nur im Weg herum, höhnen Gehetzte. Ich beneide diese Schnelligkeitsfeinde mitunter, weil sie so „die Ruhe weg“ haben.

Unseren täglichen Senioren-Cocktail gib‘ uns heute und auf ewig. Foto: Bernd Kasper/pixelio.de

Größtes Gesprächsthema aller Geriatrie-Patienten: Gesundheit. Beziehungsweise Krankheit, Siechtum, Zipperlein, Tod. Da die Einschläge immer näher detonieren, dräuen Dialoge sich darauf zu reduzieren, wer es wie und überhaupt noch (ge)schafft (hat). Neue Volkskrankheit Nr. 1 neben depressivem Burn-out bei Berufstätigen scheint bei etwa ab 55-Jährigen die Demenz zu werden: Wortfindungsdefizite, Orientierungsmangel, Gutmütigkeitsverlust. Griesgrämigkeit sind die Folge. Nichts geht mehr (selber). Schließlich schmecken Alkohl und Tabak noch nicht mal. Was bis zum Schluss als treuer Begleiter den Tag morgens, mittags, abends bunt macht, das ist der Medikamentenmix mit ordentlich Nebenwirkungen. Volle Dröhnung! Wie wenig Hemmschwelle doch Ältere gegenüber diesen Drogen haben, die viele wie Smarties schlucken. Man muss nur hüsteln: „Willst Du Grippetabletten?!“ Nichts mehr merken – leider verstehe ich voll, warum Ruheständler das wollen. Wer wie sie so oft arglos hilflos abhängig ausgeliefert ist gegenüber Angehörigen, Medizinern, Pflegern und allen Jüngeren, der mag im Menge murren: „I mog nimmer.“ Oder, arme Alte, um mit Gerhard Polt einzustimmen: „Wann i nimmer meng dad.“

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