Beatles 4.0: Kunstintelligenz für Marketingmusik

Wie die Beatles als 4.0-Version klingen, hat Sony in seinem Computer Science Laboratory (CSL) mitten in Paris mithilfe von Künstlicher Intelligenz auf sogenannten Flow Machines schon mit dem Song „Daddy’s Car“ zum Ausdruck gebracht (höre oben). „Sounds like“ schreiben die Sonys noch bescheiden über ihre „Artificial Intelligence for the future of music“. Wir wissen wie unser tonreiches Kulturgut – einst als Weisen (nach-)gesungen am Lagerfeuer – verkommen ist zum heute oft nur noch musikalischen Marketingbeiwerk für die Verkauf von allem und jedem. Da fehlt schlicht das Beseelte. Die Kapitulation der Kunst vor kriegsbrüllerischem Konsumterror und künstlichem Maschinengewese scheint jetzt jedoch komplett amtlich. Spätestens, seitdem soeben die Forschungsergebnisse auf Musicstats.org vorgestellt wurden.

Beatles, Musik und Marketing

Nach den wissenschaftlichen „Music Marketing Studies“ ist es nämlich leider so, dass „ausgerechnet die Komposition dieses komplexen Kulturguts (…) nun von künstlicher Intelligenz nachgeahmt werden“ kann und soll. Und zwar in einer „Qualität, die sich vor der menschlichen kaum zu verstecken braucht“. Wenn man sie denn sucht. Nach der Untersuchung besteht „der nächste Mozart“ (sic!) womöglich „nur noch aus Nullen und Einsen“, die Algorithmen clever zu Rhythmus, Melodie und Harmonie zusammenführen. Mit uns kann man mittlerweile ja alles machen! Die Beatles in der Version 4.0 via Kunstintelligenz zur Marketingmusik degradieren zum Beispiel. Wir mucken auch nicht mehr auf, wenn unser Lieblingssong als Untermalung für die Bewerbung blöder Produkte herhalten muss. Und gegen „Die miese Masche mit den Soundalikes“ im Sinne von Nachahmungen populärer Popsongs in der Reklame, bei denen die Künstler leer ausgehen, ist wohl auch kein Kraut gewachsen.
Alles, was nicht sofort im Viervierteltakt mitgeklatscht werden kann und muss, gilt in Zeiten der Schlager-Renaissance zudem als äußerst verdächtig. Verlernt und verloren die Fähigkeit sich einzulassen auf selbst nur wenig etwas mehr Komplexes – sagen wir als die aktuelle Nr. 5 der „offiziellen deutschen Party & Schlager Charts“ von Herzbewohnerin Kerstin Ott, die bezeichnenderweise heißt: „Scheissmelodie“. Betrüblicherweise kein offenes Ohr mehr für ungewöhnliche und trotzdem wunderschöne Stücke wie dieses namens „Dance Me This“:

Es stammt vom gleichnamigen Synclavier-Album, das als verschollen galt und dann doch im vergangenen Sommer 2015 veröffentlicht wurde – und das damit stramme zweiundzwanzig Jahre nach seinem Tod erschienene Frank-Zappa-Studiowerk. Für das oben gespielte Stück nahm der Maestro in seinem Keller drei „Deep Throat“-Sänger aus Tuwa auf. Matt Groening, Erfinder der Fernsehserie „The Simpsons“, hatte die Musiker miteinander bekannt gemacht. Der natürliche Gesang Sibiriens – hier interessant interpretiert durch mongolische Unter- und Oberton-Vokalmusik der drei Kehlkopfsänger Anatolii Kuular, Kaigl-Ool Khovalyg und Kongar-Ool Ondar – klingt ausgerechnet wie krächzend-pfeifende Synthesizer-Sounds zum groovigen Synclav-Pianosound, abgeschlossen durch ein sekundenkurzes, letztes Gitarrensolo von FZ, dem Avangadisten unter modernen Komponisten. Seine Experimentier- und Innovationskraft fehlt heuer so schlimm wie die Wildheit der Musikszene in den 1970er-Jahren.

Musikverarmung: Ohrschellen für Radiomacher

Wir haben uns unterdessen leider vielfach an die Verflachung der Tonkunst gewöhnt durch die ewig heruntergenudelten Charts. Den Verantwortlichen streng und eingeschränkt vorgeschriebener „Klangfarben“ in Radiosendern ist dafür ein großer Vorwurf in Form von Ohrschellen an den Kopf zu werfen. Auch durch Streaming-Dienste verkommene Zuhörtechniken und durch MP3-Files verkümmerte Hörgewohntheiten tragen ihren Teil bei zur Verkarstung. Aufs Lesen übertragen würde dieser Trend zur Vereinfachung bewirken, dass wir nur noch „die leichtesten Kapitel“ eines einfach zu verstehenden Buches gustieren. Die musizierenden und singenden Zombies in heutigen Hitparaden mit ihren gleichartigen Konserven schallen im Prinzip immer so, als spielten Roboter in Kombüsen müde Klangmuster herrunter. Wichtiger Merksatz in diesem Zusammenhang: Die Zahl der Verkäufe einzelner Titel im Music Business sagt gar nichts aus über die Qualität der Komposition!

Über Kunstintelligenzmusik geforscht hat ausgerechnet der gebürtige Brasilianer Professor Francisco Tigre Moura von der Internationalen Hochschule Bad Honnef · Bonn (IUBH). Er verfügt zwar über Hochschulabschlüsse in Tourismus und Business Administration, aber eben nicht über ein Samba-Diplom. Dafür lehrt er seit 2013 an der IUBH ausgerechnet Marketing. Mit dem aktuellen Forschungsprojekt verknüpfe er „beide Leidenschaften“, heißt es in der IUBH-Pressemitteilung, womit dann doch Musik und Wissenschaft gemeint sind. Was Wissen schafft, wenn Maschinen mal Musik produzieren, mag Mister Shadow im folgenden Lied allerdings nicht sehr überzeugend zu vermitteln:

Mit seiner Gruppe aus Wissenschaftlern untersuche er „Zusammenhänge zwischen Marketing und Musik“. Mouras Antwort klingt katatonisch klar: Künstliche Intelligenz (KI) sei vielleicht noch nicht in der Lage, so geniale Werke wie Mozart zu schaffen, allerdings sei es „kein Problem“, neue Stücke zu komponieren, die auf den musikalischen Mustern von Größen wie Mozart oder Bach basieren. Wie die Musiklandschaft sich verändert und wie Menschen auf diese neue Musikform durch künstliche Intelligenz reagieren, wollen die Wissenschaftler im neuen Forschungsprojekt ermitteln. So viel steht jedoch schon jetzt fest: Computer mit KI-Fähigkeiten können Musik komponieren, weil sie „aus den unendlichen Schätzen“ der von Menschen gemachten Musik lernen. Dann verändern sie nur noch die Verbindungen zwischen den programmierten Handlungsanweisungen und dem stetig steigenden Wissen aus vielen verschiedenen Daten immer wieder, um neue Musik zu erfinden. Na, toll!

Die künstlichen, neuronalen Netze orientieren sich dabei an der Arbeitsweise des menschlichen Gehirns, übertreffen in ihren Leistungen den Mensch aber bei weitem. Die Kapazität moderner Supercomputer reicht so weit, dass eine gigantische Menge an Informationen in rasanter Geschwindigkeit verarbeitet werden kann. So entstand erst in diesem Jahr der oben präsentierte Song „Daddy’s Car“, der erstaunlich nach dem Sound der Beatles klingt. Kleine Entwarnung: Etwas menschliche Hilfe brauchte es dazu noch. Der französische Komponist Benoît Carré hat den Text zum Lied geschrieben, ihn  arrangiert und produziert. Diese Beatles-like Kopie hier übrigens auch. Ob das nachfolgende Video von ihm echt ist oder nur Virtual Reality?

Schiefe Töne für Kulturpessimisten

Kultur-Pessimisten könnten beruhigt sein, beruhigt uns die Mitteilung. Noch könne künstliche Intelligenz keine unverkennbaren Stimmen wie die von Adele oder eines Opernsängers generieren. Moura sieht aber mehr schöne Chancen für die Zukunft: „Die Technologie und ihre Möglichkeiten wachsen exponentiell“, sagt er. „Zum Beispiel wäre es denkbar, die Stimmen von längst verstorbenen Musiklegenden wie Michael Jackson oder Frank Sinatra zu nutzen, um Lieder zu singen, die zu deren Lebzeiten noch nicht einmal komponiert wurden.“

Ganz sicher werde die Entwicklung aber Einfluss auf den alltäglichen Musikkonsum und auf die gesamte Musikindustrie nehmen, prognostiziert Moura. So könnten bald menschliche von maschinellen Songs kaum noch unterschieden werden, was „den Marktwert von Komponisten senken“ und die Musikindustrie ähnlich verändern werde wie zuvor schon das Internet oder die MP3-Erfindung. Auch für Musik-Plattformen wie iTunes oder Spotify seien die neuen Musikformate „interessant“, was wir ausnahmslos glauben. Denn dann lassen sich Playlisten in Echtzeit modifizieren und der Stimmung der Hörer anpassen, was viel Vermarktungspotenzial verspricht. Ein für Clubs interessantes Szenario: Die Komposition elektronischer Musik auf Basis der Reaktion des Party-Volks – in Echtzeit versteht sich. Zwar stünden die meisten Menschen der maschinengenerierten Musik noch kritisch gegenüber, aber die Vergangenheit habe gezeigt, dass die Menschheit neue Technologien „schnell akzeptiert und sich anpasst“, wie Moura konstatiert. Und ich befürchte, er hat recht, weshalb ich zum Abschied leise mitsinge diesen großen, alten Song des Literaturnobelpreisverweigerungsträgers Bob Dylan über den Schutz vor Sturm in dieser bildhübsch bebilderten und beherzt besungenen Version mit Bill Murray:

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