Cyborg – wie lebt es sich als Mensch-Maschine?

Ist echt alles eine Geschichte wert in Évora? Jener Stadt in Portugals Alentejo-Region, deren historischer Stadtkern seit 31 Jahren auf der Liste des Weltkulturerbes der Unesco steht, womit die Liste ja wohl selbst fast zum Weltkulturerbe zählt. Fotos: TG

Gute Vorsätze mal weit vor Jahresende zu fassen, das ist auch für mich Neuzeug. Ich bin zwar keine Schreibmaschine, aber als Kapitän dieses Internetz-Logbuchs tendiere ich doch zur Transformation und zum Turnaround zurück zum Tagebuch. Denn immer häufiger erschienen Einträge erst wochen-, dann monats- und schließlich fast quartalsweise. Klar, aus Zeitmangel, aber so viel Zeit zur Regelmäßigkeit muss sein. Zum Cyborg fehlt mir noch das eingebaute Aggregat zum Verarbeiten von Algorithmen als lernendes System für feinste Texte, die automatisiert entstehen. Ich lege indes gerne lieber selbst Hand an, zumal Maschinenmenschen sicher auch anfällig für Ausfälle sind: Spritmangel, Platten, Marderschaden. Es ist also einen Versuch wert, aus eigener Kraft in kürzeren Abständen die Tage angesichts ihrer Schlagzeilen schneller Revue passieren zu lassen und jeweils in Blöcken à fünf bis acht online zu stellen. Etwa in der Art:

Cyborgs allüberall

Vielleicht auch ein speiender Egomane?

15. November: „Ihnen ist langweilig? Sie haben Lust etwas zu unternehmen?“, fragt mich und damit Sie, liebe Leserin und lieber Leser, der „Südkurier“ unter der Überschrift „Veranstaltungstipps für Mittwoch, 15. November 2017“, um dann auf einen seltsamen Termin am nächsten Tag aufmerksam zu machen: Enno Park (Künstlername?) spreche in der Hochschule Furtwangen über die fortschreitende Medizintechnik mit „immer ausgefeilteren Implantaten un Prothesen“ (sic!) als Ersatzmittel für körpereigene Funktionen unter dem Angst einflößenden Vortragstitel „Cyborgs: Wie lebt es sich als Mensch-Maschine?“ Eigentlich einzig bemerkenswert an diesem Tipp: Enno Park hält sich „nach seiner 2013 erfolgten Cochlea-Implantierung“ selbst für einen Cyborg. Ob die künstliche Hörschnecke wohl schlimmeren Schaden angerichtet hat beim ehemaligen Schüler aus Ostfriesland? Slogan des Ennomanen: „Technik ist die Natur des Menschen“. Mit einem anderen Cyborg führt die „FAZ“ sogar ein Interview, in dem Neil Harbisson frank und frei bekennt: „Ich wurde gehackt und es war gut.“ Ich glaube es hackt! Wie frappierend für den Fortschritt, dass hier nach Verlassen des OP-Saals – als Werkstatt mit Ersatzteillager für Pannen am Menschen – plötzlich so ein Unsinn gefunkt wird.
Passend dazu bedrängt mich penetrant eine PR-Agentur per Mail mit dem Angebot ihrer Grafik zu Auswirkungen der Ausbreitung von Künstlicher Intelligenz (KI) unter der alarmierenden Überschrift „Die Roboter kommen!“ und der Panik verbreitenden Parole „Diese Jobs wird KI zuerst übernehmen“ mit Verweis auf McKinsey als Quelle, um am Ende „Die wichtigen Produktbereiche“ der RS Components GmbH wie Madenschrauben und Stromstoßrelais feilzubieten. Verwirrend wie das Labyrinth links im Bild. Obwohl: Stimmt, „Content Marketing Manager“ Marlene Mantz, eine Veröffentlichung hier haben Sie damit für Ihren Arbeitgeber „Peak Ace“ geschafft! Aber der Sinn dieser Verbreitung von Müll über Medien erschließt sich mir als Plus für Ihre Kunden nicht.

Siemens-CEO als Cyber-Poet

16. November: Siemens-Chef Joe Kaeser benennt sich um in Jean Garin, nach dem „Cyber-Poet und digitalen Magier“, der auf Platz 4 des Zauberkünstler-Rankings steht. Denn wie die Industriegewerkschaft Metall vor dem Werkstor des Konzerns in Görlitz mahnt, „beschwöre“ das Unternehmen, also eher die Unternehmensführung von Siemens, „einen Flächenbrand“. Das Beschwören erklärt der Duden in seiner Bedeutungsübersicht allerdings unter anderem als bekräftigenden Schwur, als inständiges Bitten, als durch Magie erlangte Macht oder als Bann. Ist also ein Flächenbrand überhaupt zu beschwören beziehungsweise Absicht von Joe Kaeser? Und kann er als Cyber-Zauberer aus dem Rauch auch so schöne Schön-Wetter-Wolken formen wie hier unten im Bild? Richtigerweise rudert Jan Otto als Geschäftsführer der IG Metall Ostsachsen in seiner Kampfansage zurück mit den Worten „dann spielt Siemens mit dem Feuer und nimmt massive Kollateralschäden in Kauf“. Damit greift der Gewerkschafter übrigens das Unwort des Jahres 1999 auf. Ich beschwöre ihn, dies künftig zu unterlassen.

Kubiki als Warmlangduscher

17. November: Wie hungrige Wölfe lungern Journalisten seit Wochen vor dem Ort der Sondierungsgespräche zwischen CDU/CSU, FDP und Bündnis 90/Die Grünen herum. Im Minutentakt gehen über die Live-Ticker solche Mega-Meldungen von Reportern hinaus in die Welt wie: „Da! Merkel schaut schaurig aus dem Fenster – stopp – Richtigstellung: Es war Seehofer – stopp“ usw. Immerhin füttern die Parteien der Jamaika-Koalition in spe die Meute mit einer eventuellen Präambel zu einem möglichen Sondierungspapier: Die zentrale These des Zwölf-Punkte-Papiers stammt eindeutig vom Chris „Dig-it“ Lindner. „Wir wollen die Chancen der Digitalisierung ergreifen für mehr Lebensqualität und Teilhabe, zukunftsfähige Arbeitsplätze und eine wettbewerbsfähige Wirtschaft sowie einen modernen und bürgernahen Staat.“ Dafür der Aufwand? Der FDP-Chef zeigte sich gleichwohl optimistisch, während sein Vize Wolfgang Kubiki „frustriert“ reagierte, aber seine Hände in Unschuld wäscht: „Ich gehe jetzt anderthalb Stunden duschen. Und dann gehe ich ins Fernsehen und versuche, einen guten Eindruck zu hinterlassen. Und Optimismus zu verbreiten.“ Besser legt er sich auf diese Schaukel im Grünen (Foto) und sagt vorerst gar nichts mehr. Aber so können die Damen und Herren unser Land doch nicht regieren, während Tesla-Chef Elon Musk schon wieder mit einem Sattelschlepper und einem Roadster etwas Neues mit Strom vorstellt. Das ist ungerecht, der soll gefälligst warten, bis Politiker zu Ende verhandelt haben! Oder zumindest bis sie ihr Scheitern eingestehen.

Cayman-Koalition oder Curacao-Allianz?

18. November: Jamaika-Verhandlungen und (noch) kein Ende. War die Wahl dieser potenziellen Regierungsmarke mit Karibik-Charakter womöglich ganz und gar falsch? Ein Blick in Wikipedia reicht: „Die ehemalige britische Kolonie ist (…) für ihre sozialen und wirtschaftlichen Probleme bekannt.“ Die benachbarten Kaimaninseln – Steuerparadies und dadurch fünftgrößter Finanzplatz der Welt – hätten es doch auch getan: Cayman-Koalition gäbe sogar einen kleinen feinen Stabreim ab. Kuba-Koalition bleibt Rot-Rot-Grün vorbehalten. Alternativ stehen noch die Bahamas oder Curacao parat. Die „Tagesschau“ ist heute noch optimistisch und berichtet, die beteiligten Politiker hätten in den Sondierungsgesprächen „einige Fortschritte erzielt“. Ob damit gemeint ist, dass jeder in der Runde die Nummer 38 vom Italiener bestellt hat? Auch die Weltklimakonferenz soll „mit Einigungen zu Ende gegangen“ sein: „Alle gegen Trump“ lautete die Botschaft aus Bonn, denn der ignorante US-Präsi hält den Klimawandel ja für einen Schwindel.

Cybriel in Bangladesch

19. November: Bundesaußenminister Sigmar Gabriel (nicht auf dem Foto, nur Ähnlichkeit mit dem Mannsbild im Felsen) besucht ein Flüchtlingslager in Bangladesch. Was liegt da näher als der nachfolgende Gedanke? Bangladesch galt lange als Zentrum der weltweiten Hungersnot von Menschen. Ob sich so manches Kind beim Aufschlagen des mächtigen Mannes dort fragte: „Was macht der voluminöse Cyborg hier?“ Schlank muss dagegen jedes Mal die Sendung der erwähnten „Tagesschau“ ausfallen, denn wie mir erst jetzt auffällt, weist die Redaktion im Internet zu jeder Ausstrahlung darauf hin: „Diese Sendung wurde redaktionell nachbearbeitet. Der Beitrag zur Fußball-Bundesliga darf aus rechtlichen Gründen nicht vollständig auf tagesschau.de gezeigt werden.“ Sport in Zeiten allmächtiger Bezahlangebote wie auf „Sky“.

CNN zeigt abscheuliche „Auktion“

20. November: Abbruch der Sondierungsgespräche zwischen CDU/CSU, FDP und Grünen. Und damit eine „historisch einmalige Situation“, worauf Bundespräsident Steinmeier fast verzweifelt weitere Gespräche anmahnt, während sich die AfD über den Abbruch diebisch freut. Interessant an dem Coup, dass ausgerechnet die FDP wegen ihres Ausstiegs auch Anerkennung erntet und die SPD wegen ihrer Verweigerung mitzumachen an den Pranger gestellt wird. Ist unsere Nation also am Ende? Nö! Noch nahen Lösungen wie Minderheitsregierung, Neuwahlen oder Rückkehr zur Monarchie. So lange die Verunsicherung nur nicht negativ auf Konsum und Wirtschaft übergeht; wir wissen schließlich aus Erfahrung wie eklatant sich Verwirrung aufgrund von Unsicherheit auswirkt. Da nützen dann auch die vielen verkaufsoffenen Sonntage nix.

Die für mein Empfinden am meisten niederschmetternde Meldung seit langer Zeit: Filmaufnahmen des US-Fernsehsenders „CNN“ von einer Sklaven-Auktion in Libyen belegen, dass dort offensichtlich Menschenhandel betrieben wird während Versteigerungen von schwarzafrikanischen Flüchtlingen für Farmarbeit. Wie selbst die „Bild“-Zeitung eingestehen muss „wie Vieh, für 400 US-Dollar ,pro Stück’“. Die Bilder zeigen, wie zwei junge Männer angepriesen werden als „große starke Jungs für die Landwirtschaft“. Solche Menschenverkaufsveranstaltungen wie diese weit ab von der Hauptstadt Tripolis sollen nach CNN-Informationen „ein- bis zweimal im Monat“ stattfinden.

Ich hatte gehofft, nach bewegenden Filmen wie „Amistad“ von Steven Spielberg (1997) bis „12 Years a Slave“ von Steve McQueen (2013) sei diese abscheuliche Feilbietung für alle Zeiten abgeschafft. Zuletzt noch feierte das Feuilleton den Pulitzer Preis für den Roman „Underground Railroad“ von Colson Whitehead. Und Kritiker besprachen jüngst auch „Heimkehren“ von der in Ghana geborenen Amerikanerin Yaa Gyasi oder „Die Hoffnung“ des Dänen Mich Vraa überaus positiv. Doch Film- und Buchfiktion funktionieren halt besser als die Ächtung von Sklaverei in der Realität.

Die Gier, mit egal wem und was Geschäfte zu machen, scheint gleichwohl so gigantisch, dass hier vermutlich als Abschreckung nur lebenslang Gefängnis mit Arbeit im Steinbruch greift. Diese Art von Auktion, lateinisch „auctio“, was eigentlich für „Vermehrung“ (vermutlich im Geldbeutel) steht, gehört auf ewig verboten und unter strengste Strafe gestellt. Ob wir je von den Urteilen gegen die Sklavenhändler in diesem Fall erfahren? Angeblich will das Außenministerium der libyschen Regierung den skandalösen Vorgängen nachgehen und ließ verlauten: „Die Verantwortlichen werden bestraft.“ Allein mir fehlt der Glaube angesichts der Geschichte, die die Sklaverei in Libyen als Drehscheibe dieses Handels mit Menschen hat. Erschreckend, dass seine „Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie“ bei Karl Marx gleich so beginnen: „1. Sklaverei ist nicht ursprünglich, sondern setzt eine lange wirtschaftliche Entwicklung voraus. Der Mensch A ist als solcher nicht Sklave. Sklave ist er in der und durch die Gesellschaft.“

Bobbeles Strategie, Spiel und Satz

21. November: Als Sklave der Öffentlichkeit sieht sich Boris Becker am Vortag seines 50. Geburtstag, wenn er in der 90(!)-minütigen Dokumentation (!) zur Primetime (!) im ersten Fernsehprogramm (ARD!) zu Protokoll gibt: „Dafür zahlt man einen Preis.“ (sic!) Welcher das wohl sein könnte? Später sagt er im Film: „Ich muss durchhalten. Ich wäre töricht, wenn ich meine Strategie erzählen würde. Aber das Ziel ist das gleiche: das Spiel zu gewinnen.“ Was ehemalige Idole so alles schwätzen dürfen als Wahllondoner. Womöglich gilt dem Bobbele aber nur alles Mitleid seiner Landsleute. Jetzt als Flüchtling. Vor dem Brexit. Erinnern wir uns also besser an bessere Zeiten – abseits des drohenden Dschungelcamps, in seinem grün bewachsendem „Wohnzimmer“ mit einem Tennisschläger hin und her springend sowie im theatralischen Jubel fast platzend:

Cylitzboys, Cholz und Chem bei Chosef

22. November: Besinnung, kritische Lebensbilanz und Neuortientierung fordert die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) als Themen für die Gottesdienste zum heutigen Buß- und Bettag. Und ihr Chef – kleiner Tusch! – Heinrich Bedford-Strohm an der Spitze empfiehlt „nachzudenken über Grund und Ziel unseres Lebens“. – – – „Nie wieder FDP!“, hat Politikredakteurin Simone Gaul in ihrem Podcast unter „Zeit online“ für sich entschieden, um aber gleich wieder zu fragen: „Was jetzt?“ Der selbsternannte Journalist Markus Josef Lanz labert abends mit den Sängern Bill und Tom Kaulitz von „Tokio Hotel“ über die Chancen einer großen Koalition. Cem Scholz und Olaf Özdemir schmettern später als Duo „Dream Machine“ und gehen hoffentlich bald auf eine ganz, ganz lange Tournee mit den beiden Kaulitzboys. Dieser Schluss beweist: Ohne Regierung geht uns die Orientierung verloren. Beziehungsweise der Durchblick:

 

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