Diagnosedesaster im Kommunikationskrampf

COO-Marketing

„Die Verschmelzung“ von Marketing und Kommunikation werde „wahrscheinlich durch die Untrennbarkeit der Unternehmens- und Markenreputation vorangetrieben“, lautet der niederschmetternde Praxisbefund mit Perspektive für global agierende Chief Communications Officers (COO). Nach der Grafik oben ist die Zahl dieser COOs mit zusätzlichen Marketingaufgaben zwischen 2012 und 2014 um 35 Prozent gestiegen, womit der Job von Kommunikationschefs in Unternehmen  schon jetzt „zunehmend auch Marketing“ umfasse, konstatierten jüngst die modernen wie kreativen Kommunikationsstrategen von Weber Shandwick – jenem laut Websitenicht nur weltweit größten“, sondern „auch eines der erfolgreichsten Kommunikationsnetzwerke“ immerhin „mit 81 Agenturstandorten weltweit und mit „top nationalen“ (sic!) wie „internationalen Kunden“ nebst „Auszeichnungen“ für „exzellente“ Projekte und als „bester Arbeitgeber“. Igitt, die Webers und Shandwicks inszenieren hier selbst sehr schön, wie es sich liest, wenn man die Trennung von Information und Werbung aufhebt.

578466_web_R_B_by_Karl-Heinz Laube_pixelio.deAls Übergang „von traditionellem Journalismus hin zur Nutzung von Social Networks“ beschreibt ein anonym zitierter Chefkommunikator aus Europa den Wandel in der Medienlandschaft. Auch von „informellen Informationen“ (sic!) und einem steigendem Engagement der Bürger als aktive Vertreter von Informationen ist dort die Rede in der aktuellen fünften Ausgabe der Angst einflößend betitelten Studie „The Rising COO“. Die Kommunikationslandschaft habe sich für Unternehmen „dahingehend entwickelt, dass sie nun bereit sind als eigenständige Medien zu fungieren“, erklärt ein anderer erwähnter COO aus dem Raum Asia Pacific. Fein, wir freuen uns schon in bewegten Bildern auf die Enthüllungsstorys im „BMW TV“, online auf Satire in der „Salzgitter Gazette“ und auf magenta-freie Schwarz-Weiß-Fotoreportagen in den gedruckten „Telekom Times“.

661843_web_R_by_Guenter Hamich_pixelio.de

Die Reputation von Unternehmen und Marke sei heute unteilbar, stimmen 84 Prozent der befragten COO überein. Ja, dann beschädigen Sie diese bitte nicht in Ihrem Unternehmen, indem sie Journalismus kaufen oder pseudomäßig selbst produzieren. Die PR-Arbeit habe im Marketing-Mix an Status dazu gewonnen, sind sich 62 Prozent einig. Probe aufs Exempel: Schreiben Sie seitdem in Mitteilungen den Unternehmensnamen und alle Marken in Großbuchstaben? Eigenen Inhalt zu erstellen und zu veröffentlichen habe einen erheblichen Einfluss in der Unternehmenskommunikation, berichten 58 Prozent der Verantwortlichen. Das hält die Initiatoren vieler anderer wichtiger Impulse im Unternehmen von originären Aufgaben ab. Pralle 90 Prozent der Unternehmen entwickeln schon Content, bereiten dies vor oder erwägen es zumindest. Da rollt ein Tsunami aus Informationen aus Wirtschaftsorganisationen auf uns zu, denn Lobbyisten und Interessenverbände wollen der Offensive ihrer Kunden in nichts nachstehen.

530279_web_R_B_by_rafiki_pixelio.deDen Wandel der Medienlandschaft beschreiben die COO unbedarft oder unbewusst anhand von Faktoren, die sich beileibe wie eine Bankrotterklärung für Verlage und Funkhäuser lesen. Von einer Ablehnung der traditionellen Medien ist da ebenso die Rede wie von einem Anstieg „bürgerlicher Reporter“ (sic!). Bedürfnisse von Unternehmen und finanzielle Aspekte spielten darüber hina599933_web_R_K_B_by_PeterFranz_pixelio.deus eine Rolle, warum die bisherigen Informationsangebote klassischer Medienproduzenten kaum zukunftsfähig sein. Die desaströse Diagnose vermag auch nicht zu retten, dass andererseits „eine Demokratisierung von Informationen“ stattfinde und die Entwicklung einer veränderten Nachfrage von Kunden nach Informationen folge. Demokratie- und Kundenwunsch sollen heutzutage aber auch für alles herhalten. Zehn bescheidene Fragen seien erlaubt:

  1. Darf grundsätzlich als gut gelten, wenn die Informationshoheit sich verlagert von bestenfalls unabhängiger Redaktionen professioneller Medienbetriebe hin zu strategischen Kommunikationsabteilungen prinzipiell profitabel agierender Unternehmen, so sie nicht die Gewinnabsicht aus den Augen verloren haben?
  2. Kann von Firmen objektive Berichterstattung über sich selbst erwartet werden – Verlage und Sender eingeschlossen, die überdies als Bringschuld den Nachweis noch zu erbringen  hätten, dass Anzeigen und Redaktionelles bei ihnen streng getrennt bleiben?
  3. Wird jemals ein in allen Belangen ehrlich offener Dialog zwischen (wirtschaftlichen) Organisationen und (allgemeiner) Öffentlichkeit möglich sein ohne vermittelnde dritte Instanz wie Medien als ehemals gemeinte vierte Gewalt?
  4. Ist es nicht zu viel verlangt, dass dauerhaft Druck der Öffentlichkeit als Kontrollinstrument auch für die Wirtschaft wirken soll?
  5. Muss angesichts eines Fehlens von nachprüfbaren Zugangshürden und einem Übermaß an Minderqualifizierung jedweder Dahergelaufener, die „irgendwas mit Medien machen“ möchten, nicht wenigstens künftige Hobbyreporter aus der Bürgerschaft  vor der ungeschützten Berufsbezeichnung „Journalist“ geschützt sein?
  6. Gehört zu einem demokratisch-pluralistischem System nicht zwingend verpflichtend geregelt auch die fundierte Wissensvermittlung über journalistische Güte bei Medienmachern und Rezipienten? (vgl. hierzu „Qualitätskompetenz“ in Berdi/Ebert/Faust/Garber über „Qualität und Qualitätsurteile“ im Journalismus, Dortmund 1992, S. 192 f)
  7. Sind Arbeitsbedingungen noch so gestaltet, dass genug Redaktionen ausreichend Qualität liefern können?
  8. Sollten belanglose Inhalte und miese Formate des Journalismus ab sofort öffentlich am Pranger auf dem Marktplatz gerügt und geächtet werden?
  9. Ist es vielleicht an der Zeit, über den Preis unabhängiger und professioneller journalistischer Angebote und damit vor allem über ihren Wert neu nachzudenken?
  10. Will wer freiwillig beschallt bzw. angeschrien werden – wenn auch clever, aber doch stets mit Verkaufsabsicht und schrill dröhnend wie über ein Megaphon?

409991_web_R_by_Maria Lanznaster_pixelio.de

Leisen Dank für die fantastischen Fotos an Karl-Heinz Laube, Guenter Hamich, Rafiki, Peter Franz und Maria Lanznaster (von oben nach unten; alle über pixelio.de).

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Kommentare zu Diagnosedesaster im Kommunikationskrampf

  1. Pingback: Zur Medienqualität (in eigener Sache) - Garbers Gazette

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