Zwischen Employer Branding und Menschenopfern

Liddell lohnt sich, wenn man zwischen aufgemotzem Employer Branding, also Arbeitgebermarkenbildung, und glücklich ausgebeuteten Menschenopfern zu unterscheiden lernen möchte. Denn einen guten Chef „erkennt man nicht am guten Sitz der Krawatte“; allerdings auch nicht am schlechten Sitz der hauseigenen Uniformen. Die Farbe spielt dabei keine Rolle, ob bei rund 70.000 gelb-blau gekleideten Liddellianern oder bei den allein hierzulande rund 58.000 braun-schwarz-weiß gewandeten Franchise-Nehmern und Mitarbeitern von McDonald’s. Letztgenannter gibt als Burgerbrater nicht nur ein Leistungsversprechen für garantiert viel Verpackungsmüll, sondern auch ein „Führungsversprechen“ mit Werten für die Zukunftsfähigkeit unter dem Kommando „Mach Deinen Weg“, von denen hier nur drei der fein dahingeschriebenen Gebote zum Zeitvertreib als Zitat-Auszug folgen:

<img src= Ich bin ein vorbildlicher Gastgeber und erwarte das Gleiche von meinen Mitarbeitern.

<img src= Ich bin verlässlich, glaubwürdig und behandle alle Mitarbeiter korrekt, fair und respektvoll.

<img src= Durch Anerkennung von Leistung und Übertragung von Verantwortung fördere ich Spaß und Motivation im Team.

Soweit so bilderbuchartig. Warum ich wahllos beispielhaft ausgerechnet auf diese beiden Arbeitgeber komme? Wer weiß?! Vielleicht gerade wegen der besonders scheußlich aussehenden Arbeitskleidung, die dem Personal dort zugemutet wird. Überhaupt: In Armee, Schützenverein, Mannschaftssport und japanischen Touristengruppen mag man eine übereinstimmende Kluft noch erwarten und ertragen müssen. Aber Standardisierung am menschlichen Körper ist als zeitgemäße Ausstattung doch sowas von mega out. Unternehmensstrategische Maßnahmen als bemüht wirkende Marketingkonzepte zur Attraktivitätssteigerung für Bewerber muten grundsätzlich ziemlich peinlich an. Als Negativbeispiele für zweifelhaft vergnügliche Angestelltenverhältnisse wären sicher auch andere heranzuziehen wie Burger King, Netto Marken-Discount, die Verlagsgruppe Handelsblatt oder andere Mittelständler, die immer noch gerne auf Messen gleichfarbige Krawatten verteilen. Liddll und McDo sind also auffällig einfach aus der Luft gegriffen. Wieso die Genannten sich allerdings alle darüber hinaus aufdrängen sollten im Zusammenhang mit Menschenopfern und mit Sklaverei – dafür habe ich selbst keinerlei Verständnis bzw. dazu später mehr.

Employer Branding bewerten

kununu

Screenshot-Ausschnitt der Kununu-Website

Mit 537 Bewertungen und 707.537 Aufrufen gewinnt Lidl eindeutig gegen McDonald’s (315/160.306) auf dem Arbeitgeber-Verurteilungs-Portal Kununu, das zwar „Volle Transparenz am Arbeitsmarkt“ verspricht, selbst aber warnend mit „Wer im Glashaus sitzt“ angezählt wird. Erst nach erstaunlich vielen positiven Kommentaren – „mcfamily“, „kleines aber feines Restaurant“ (sic!), „sehr stark Sozial angachierte Firma“ (sic!) – heimst die Fast-Food-Kette auch schon mal weniger positive Stellungnahmen ein wie „Vorsicht geboten“ oder „Schrecklich. ..!!!!!!!!!!“. Bei Lidl schwanken die Urteile zwischen „wird immer besser“ über „viel Luft nach oben“ bis zu „Schlechter Ruf? wohlverdient!!!“ Die laut Eigendarstellung „am schnellsten wachsende Internet Karriere-Plattformen im deutschsprachigen Raum“ findet als „besondere Idee“ an sich selbst, dass Mitarbeiter aus Deutschland, Österreich und der Schweiz „auf unserer Plattform zu Unternehmensbotschaftern“ werden und „andere Bewerber (…) über Arbeitsverhältnisse“ informieren. Warum gibt es überhaupt Kununu?

Unternehmen kununu-en

Die Antwort:

„Wir hatten sie satt – die weichgewaschenen Einheitsbrei-Werbebotschaften, die wir bei der Suche nach dem passenden Arbeitgeber auf dessen Broschüre, Karriere-Webseite und Karriere-Messestand, zu lesen bekamen. Wenn Dir Botschaften wie ,Arbeitnehmer sind unser höchstes Gut‘ oder ,Das Wohl unserer Mitarbeiter liegt uns am Herzen‘ etc. irgendwie bekannt vorkommen, weißt Du was wir meinen.“

Weiter heißt es dort: „Wir wollten einen Blick hinter die Firmenfassade werfen“ sowie „Wir lieben authentische Arbeitgeber“. Endlich dann aber die aufs Geschäftsmodell zusteuernde Empfehlung: „Wer zu seinen Schwächen steht, wirkt glaubwürdiger,
wenn er seine Stärken darstellt.“ Denn Geld verdient Kununu mit Firmen, die für „kostenpflichtige Möglichkeiten zur Präsentation als Arbeitgeber“ blechen. So erhalten Kununu-Kunden „ab 395 €/Monat“ das „Employer Branding Profil von Kununu und Xing“. Irgendwann stoße ich irgendwo auf folgende Erklärung „kununu stammt aus der afrikanischen Sprache Suaheli und bedeutet ,unbeschriebenes Blatt‘“, da bin ich aber schon sanft entschlummert.

Authentizität haspeln

Authentizität – dieses schier sprachlich schwierige Wort mit Garantie zur verunfallten Aussprache, das neben mir noch der Duden empfiehlt durch Echtheit oder durch Glaubwürdigkeit oder durch andere einfache Begriffe zu ersetzen, um Grimassen-reiches Haspeln zu verhindern, verbrieft Kununu sogar mit „Arbeitgeber Gütesiegel“ der beiden Klassen „Open“ oder „Top Company“. Ich rate Unternehmen eher zu authentischen Mitarbeiterbefragungen durch eigens engagierte, aber unabhängig externe Bewerter. Als unbestechlicher Berater übernehme ich gerne. Da ich das Thema aber vor allem für eine Angelegenheit von hoher Priorität in der Unternehmensführung halte, sollte sich aber schon jeder Inhaber kleiner und mittlerer Wirtschaftsorganisationen damit auseinandersetzen. Erkenntnisse dazu gibt es mittlerweile genug. Und jede Menge Wettbewerbe mit zum Teil übertrieben anmutendenden Titeln wie „Great Place to work“, aus denen man trotzdem von den Siegern gewiss etwas lernen kann.

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Die „Boone Hall Plantation“ liegt im Norden von Charleston, lieferte zwar einst eine schöne Kulisse für „Fackeln im Sturm“, steht aber vor allem für schlimme Sklaven-Quartiere, die Einblicke in eine schreckliche Zeit geben. Foto: Rudi Nockewell, pixelio

Höchststand an Menschen in Ketten

Nichts lernen dürfen wir dagegen von der Profitgier böser Wichte, die zudem auf die leider immer noch weitverbreitete Korruption zur Wahrung ihrer Geschäftsinteressen setzen, was als Hauptgrund für die moderne Sklaverei gilt. Zwangsarbeit, Menschenhandel, Kinderheirat – mit weltweit rund 30 (!) Millionen Erdenbürgern als Opfer unter sklavenähnlichen Bedingungen ist aktuell ein Höchststand erreicht. Diese Meldung zu Jahresbeginn hat mich aus allen Träumen gerissen, diese für unser Spezies unwürdige Ausbeutung sei längst überwunden. Dass reiche Geldgeber auch Gutes mit ihrem Baren anstellen können, bewies allerdings vor einigen Jahren ein australischer Rohstoffmagnat, der sich mit Unterstützung der gegründeten „Walk Free Foundation“ für die vollständige Abschaffung der Sklaverei stark macht. Jedes Jahr will die Organisation eine Rangliste der Staaten mit den meisten Sklaven veröffentlichen, was schon einen Spendenaufruf wert ist. Allein beim erstplatzierten Indien knechten 14 Millionen moderne Sklaven, während Mauretanien mit vier Prozent der Bevölkerung proportional die meisten Menschenkinder quasi in Ketten lässt.

Was Flüchtlingsfrauen und -kinder aktuell zu erwarten haben, wenn sie von der EU in die Türkei abgeschoben werden, kann mittlerweile auch niemand mehr leugnen: Der Sexhandel mit Kindern in der Türkei ist schon lange ein blühendes Geschäft, das seit Beginn des Krieges in Syrien besonders floriert. Die Opfer ab zwölf Jahren sind vor allem kleine Mädchen. Die „Jagdgründe“ der modernen Sklaven- und Menschenhändler liegen sowohl in den staatlichen oder in den UN-geführten Flüchtlingslagern als auch in den privaten Flüchtlingsgettos der Städte. Dort lebt der größte Teil der Flüchtlinge oft unter bettelarmen Umständen, so dass vor allem Kinder zur leichten Beute werden. Wir sollten uns schämen.

Sklavenforschung in Mainz

In jeder Stunde werden heute zwei Menschen neu versklavt. Weltweit setzen Menschenhändler rund 32 Milliarden Dollar jährlich um. Das sind Fakten aus einem jüngst vorgestellten Forschungsprojekt, in dem Wissenschaftler nicht nur die Sklaverei in der griechischen und römischen Gesellschaft der Antike untersuchte, sondern auch  Sklavengesellschaften späterer Epochen. Sklaven wurden stets in der Landwirtschaft, in Handwerk und Handel, als Diener­schaft im Haus und im Bergbau eingesetzt. Ihnen drohte immer eine Bestrafung durch Peitschenhiebe, vor athenischen und römischen Gerichten durften sie nur unter Folter aussagen, und sie mussten leben mit der ständigen Angst, an einen anderen Ort und in ein anderes soziales Umfeld verkauft zu werden. Eine Tagung widmete sich kürzlich an der Akademie der Wissenschaften und der Literatur den Studienergebnissen.

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Tötung eines menschlichen Opfers. Gemälde von Jacques Arago, 1819, coloriert durch Joseph Watts, University of Auckland.

Menschenopfer in hierarchischen Strukturen

Noch schlimmer geht’s kaum, dachte ich, bis am 4. April auf eine Meldung stieß unter der Überschrift: „Die dunkle Seite der Religion – Wie Menschenopfer halfen, hierarchische Gesellschaften aufzubauen“. Danach ergab eine neue in „Nature“ veröffentlichte Studie, für die Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Menschheitsgeschichte in Jena, der Universität Auckland und der Viktoria Universität Wellington untersuchten „den Zusammenhang zwischen der Tötung von Menschen und wie ungleich oder hierarchisch eine Gesellschaft strukturiert war“. Irre, denn sie kommen nicht nur zu dem Schluss: „Die Methoden der rituellen Tötungen in diesen Kulturen waren vielfältig und teilweise extrem grausam.“ Sie stellten fest, dass die Kulturen mit den am stärksten ausgeprägten Hierarchien am ehesten Menschenopfer praktizierten, exakt zu 67 Prozent. Bei den Kulturen mit moderater sozialer Schichtung lag der Anteil bei 37 Prozent und bei den am wenigsten hierarchisch gegliederten Gesellschaften war dieser Anteil mit 25 Prozent am geringsten. „Die Machthaber benutzten Menschenopfer dazu, Tabubrüche zu bestrafen, die Angehörigen der unteren sozialen Schichten zu entmutigen und ihnen Angst einzuflößen. Dadurch waren sie in der Lage, soziale Kontrolle aufzubauen und zu verstärken“, sagt Hauptautor Joseph Watts von den Universität Auckland.

Spricht dies alles nicht dafür, dass diese unsinnigen Hierarchien endlich abgeschafft gehören? Und Schlimmeres, bei dem Menschen auf Ware reduziert werden, sowieso.

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