Erstbeste und Allerletzte in närrischen Zeiten

Schöne Aussichten: Friedhof, Saint-Tropez. Foto: TG

In unseren närrischen Zeiten scheint kaum noch jemand einzustehen für Geradlinigkeit, Wahrhaftigkeit, Ethikwerte. Ob Erstbeste oder Allerletzte. Wenn etwa „Mauk“ zu seiner Nahaufnahme auf dem Friedhof des französischen Armenviertels Saint-Tropez in der „Geo Reisecommunity“ schreibt als empfinde er moralische Bedenken: „Es war mir Komisch, ein Friedhof recht am Mittelmeer. Aber am Côte d’Azur ist der Meer überal“ (sic!). Heute machte unter aufgeregten Kollegen die „Spiegel online“-Meldung die Runde, dass Altverleger Dieter von Holtzbrinck seinen quasi Ziehsohn Gabor Steingart seiner Macht bei der Handelsblatt Media Group entheben will. Als Anlass angegeben: Der Herausgeber, Geschäftsführer und Miteigner träumte in seinem „Morning Briefing“ vom perfekten Mord am (beliebtesten) SPDler und Außenminister Sigmar Gabriel durch den (unbeliebten) SPD-Chef Martin Schulz. Ich habe dazu nur eine einzige Frage, liebe Leserin und lieber Leser: Wen von den vier Genannten halten Sie für den eitelsten Gockel? Spaß beiseite: Die ersten von Steingart gefeuerten Mitarbeiter beenden jetzt sicher als letzte das Lachen. Solche Häme ist mir zwar völlig fremd, aber vielleicht gibt es ja doch noch einen Gerechten und Gütigen. Obwohl der sich wohl vollends auf Andreas Trump und Donna Nahles zu konzentrieren hat, wenn’s gilt die Lautesten zum Verstummen zu bringen. Darauf ein dreifach donnerndes Helau! Helau! Helau!

America First again?

23. Januar: Kimberly-Clark ist kein Schauspielerinnen-Doppelname, sondern der US-Hersteller von Kleenex-Tüchern, der jetzt mit einem Streich bis zu 5.500 Stellen und damit nahezu 13 Prozent der Belegschaft einspart. Die zunächst anfallenden Aufwendungen für diese Restrukturierung sollen fast zwei Milliarden Dollar betragen, auf rund zwei Milliarden Dollar über die kommenden vier Jahre werden die dadurch erzielten Einsparungen beziffert, berichtet das Medium „Blick“ aus der Schweiz. Seltsames Zahlenspielchen. Klingt fast wie Zewa – wisch & weg. (Marken bitte nicht verwechseln!).

24. Januar: Das amerikanische Unternehmen „Toys’R’Us“ sieht sich – nach den in den USA („Chapter 11“) und in Kanada („CCAA“) freiwillig eröffneten Restrukturierungsverfahren – zu weiteren Schritten veranlasst: Dazu zähle die Schließung von rund 180 Filialen in den USA sowie an einigen Standorten die Zusammenführung bislang eigenständiger „Toys’R’Us“- und „Babies’R’Us“-Filialen auf gemeinsamer Fläche. Von den Maßnahmen betroffen seien „keine Filialen in Kanada oder anderen Märkten“ mit „Ausnahme“ von Großbritannien, wo schon das Aus für 26 Filialen beschlossen und angekündigt ist und weitere Filialen in Mietvertragsverhandlungen stehen. Mindestens Punkt 3 der Unternehmensleitlinien, nachzulesen im nachfolgenden Screenshot der deutschen Website, dürfte derzeit den Beschäftigten schwer fallen.

Püppchen oder Puppenkiste

27. Januar: Wenn jetzt noch einer dieser Schreiberlinge und Rundfunkschwallköpfe das Wort „Transformation“ in den Rechner tippt oder über die Lippen bringt, drehe ich durch. Insbesondere bei Null-Relevanz-Meldungen über Z-Sternchen wie Tatjana Gsell, an der „Gala“ jetzt eine „Beauty-Transformation“ festgestellt haben will. Allerdings umgekehrt vom Besseren zum Schlechteren? Nämlich von der „Chirurgen-Witwe zum Trash-Star“. Oder werten das derartige Illustrierten mittlerweile als Aufstieg?

28. Januar: Der zum deutschen Spielzeughersteller Simba Dickie gehörende Modellbahn-Spezialist Märklin hofft nach Insolvenz und Sanierung jetzt auf einen Wachstumsschub durch Lizenzprodukte zur ab März in die Kinos startenden Verfilmung des Michael-Ende-Klassikers „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“. So bringe sein Unternehmen ein Modell der windschiefen Lok „Emma“ auf den Markt, berichtet Märklin-Chef Florian Sieber vor der Nürnberger Spielwarenmesse laut „Bild“. Go, Emma, go! Wäre doch zu schade um das mehr als 150 Jahre bestehende Traditionsunternehmen, das vielleicht lang langweiliger als etwa die Augsburger Puppenkiste daherkam, aber hoffentlich mehr als Nostalgie-Wert hat. Über den Turnaround von Märklin nach Sanierung „wieder unter Volldampf“ hatte ich hier berichtet bzw. in „return 03/15“ berichtet.

29. Januar: Von einem „Turnaround wie aus dem Bilderbuch“ lesen wir grundsätzlich gerne, zumal die Funkwerk AG mir in den vergangenen Tagen häufiger durch positive Berichterstattung aufgefallen ist. Wenn der Beitrag von Thorsten Renner auch nur im „NebenwerteJournal“ und hier auf der Website der Börse München steht, scheint die nachvollziehbare Analyse ziemlich glaubwürdig. Strategischer Zukauf, ausgelastete Produktion, viele Aufträge, striktes Forderungsmanagement – das Funkwerk tickt offensichtlich wieder richtig.

Furcht in der Führungsetage

1. Februar: Das Studien-Ergebnis hört sich an wie ein Hilferuf. 84 Prozent der befragten Unternehmensführer in globalen Firmen fordern eine übergreifend abgestimmte und gemeinschaftlich entwickelte Antwort auf die Herausforderungen des digitalen Wandels – „unter Führung von Regierungen und internationalen Gremien“. Über die von Fujitsu in Auftrag gegebene Untersuchung schreiben die Kommunikatoren des ITK-Anbieters selbst etwas verzweifelnd klingend über die zentrale Botschaft von „1.400 Teilnehmern aus den Chefetagen weltweit“: „Führungskräfte in aller Welt suchen nach einer gemeinsamen und abgestimmten Antwort auf die Herausforderungen des technikgetriebenen Wandels.“ Fast die Hälfte der Manager sieht die UN oder die nationalen Regierungen als verantwortliche Stellen. Immerhin: 37 Prozent nehmen die Unternehmen in die Pflicht, aber mit 35 Prozent fast genauso viele die Industrie- und Branchenverbände. Weiter heißt es zur Studie: „Beunruhigend: Mit 76 Prozent sind mehr als drei Viertel der Ansicht, dass ihre Regierung sowie die internationalen Organisationen derzeit keine ausreichenden Aktivitäten planen oder überhaupt dazu in der Lage wären.“ Mich beunruhigt, dass die Verantwortlichen in Firmen die Verantwortung bei Verantwortlichen ausgerechnet aus Politik und Behörden vermuten. Ein im Report (Cover im Bild) aus der Umfrage ermittelter Schlüsseltrend: Die Automatisierung mit Robotern und Künstlicher Intelligenz nimmt zu, mit Massenarbeitslosigkeit und wachsender Ungleichheit als drohende Folgen. Lausige Leader im Business machen uns mächtig Mut.

3. Februar: Die Staatsanwaltschaft ermittelt rund um den Fall des insolventen Küchen-Herstellers Alno, berichtet die „Schwäbische“. Den entsprechenden Antrag beim Amtsgericht stellte die Unternehmensführung im Juli des vergangenen Jahres, soll aber womöglich schon seit dem Jahr 2013 zahlungsunfähig gewesen sein, wie  Insolvenzverwalter Martin Hörmann kürzlich in der ersten Gläubigerversammlung mit seinem vorläufigen Bericht andeutete. Gegen wen und wegen welchen Verdachts die Staatsanwaltschaft recherchiert, wollte ein Behördensprecher nicht preisgeben. Nur so nebenbei: Wer mehr über Verschleppungen lesen möchte, ist mit dem Beitrag „Kollaps als Straftathier ab Seite 12 gut bedient.

Mortadella-Mike und Mitmach-Moderator

5. Februar: „Morgen ist Turnaround Tuesday!“, lockt mich „Mick Knauff Daily“ vom „Investor Verlag“ an den Empfänger. Bemerkenswert lustig, wie diese begnadeten Börsen-Berichterstatter über das Auf und Ab plaudern. Der Duktus erinnert mich allerdings an einen anderen Markt, und dort an die Schreier auf den Wagen wie Makrelen-Michi, Maronen-Mick und Mortadella-Mike. Ihre Stimme indes, großartiger Mick „Über 344.000 Leser können nicht irren“ Knauff, hatte vor Ihnen schon Dieter Thomas Heck, wie wir an seiner Ansage auf Youtube erkennen.

8. Februar: Garbers Gazette bleibt leider geschlossen bis einschließlich 14. Februar, denn aus Solidarität mit den Arbeitsniederlegungen bei den dritten Programmen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks aufgrund von Karneval muss hier im Verborgenen gearbeitet werden. Insbesondere die Kollegen aus Köln sind gut organisiert und knüppelhart im Durchsetzen ihrer Komplettverweigerung und der Kanalverstopfung. Im Ernst frage ich die zuständigen staatlichen Stellen, warum unbescholtene Zuschauer und Radiohörer in dieser Zeit permanent mit jecker Marschmusik und lauwarmen Witzen bombadiert werden dürfen. Mag sein, dass so manchem Moderator mulmig zumute ist, weil er momentan egal in welcher Sendung auf den Rummel eingehen muss, aber mitmachen müssen sie dann doch wieder alle. Anders und mit Nachdruck intoniert: „Und jetzt alleeeee!“ Nur: Wozu? Weshalb? Warum? Für wen? Diese Berichterstattung berührt uns mit null Komma null Relevanz.

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