Ein Gesetz der Wirtschaft: Insolvenz gehört saniert

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Fast blind vor Glück: Justitia, jene Personifikation von ausgleichender, bestehender und strafender Gerechtigkeit, trägt Augenbinde. Das Symbol soll verdeutlichen, das Recht ohne Ansehen des Betreffenden nach Abwägung (zweites Symbol: Waage) gesprochen und (drittes Symbol: Schwert) auch durchgesetzt wird. Darauf haben auch Wirtschaftsunternehmen ein Anrecht. Foto: Jutta Rotter, pixelio

Zu einem Gesetz der Wirtschaft, jenem zur Erleichterung der Sanierung von Unternehmen (ESUG), sah ich mich jüngst aufgefordert Stellung zu nehmen in der Fachzeitschrift „ZInsO“ mit einem Gastkommentar in der Rubrik „Klartext“. Entsprechend unmissverständlich brachte ich zum Ausdruck, was insbesondere in der Branche rund um Insolvenzen schon lange gesagt sein sollte. Es geht um den Erhalt von gesunden Geschäftsmodellen in Firmen mit meist auch Mitarbeitern. Meine Botschaft: Für Mittelständler ist die Schieflage schon schlimm genug und ein Gang zum Gericht noch quälender. Zur Seite gesellen sollte sich ihnen wirtschaftlicher Sachverstand, am besten schon weit vor einer Krise, spätestens aber zur Bewältigung derselben. Wünschenswert wäre dazu, wenn das Feld nicht allein Juristen überlassen bliebe, die seit Jahrzehnten den Ton angeben. Mir ist zwar nicht bewusst, den Beitrag dem Verteufeln der Paragrafenfesten gewidmet zu haben, gleichwohl scheint mir der Groll der sonst sympathischen Standes-Mischpoke sicher. Aber, liebe Leserschaft, suchen Sie selbst, ob sich im nachfolgenden Text „abgegriffene Behauptungen“ oder „undifferenzierte Stimmungsmache“ finden lassen:

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Keine Hand frei, um den Kopf zum Denken abzustützen. Foto: Florentine, pixelio

Der erste Eindruck bleibt, weil er stimmt. Die Welt der Insolvenz rund um die deutsche Wirtschaft wirkt schon auf den ersten Blick erstaunlich einseitig. Die Sanierung von Unternehmen ist völlig gekoppelt an verrechtlichte Verfahren statt an betriebswirtschaftliche Prozesse zur Gesundung einer in Schieflage geratenen Wertschöpfung. Die Dominanz von Juristen auf diesem Gebiet hat über die vergangenen 20 Jahre offensichtlich mit dafür gesorgt, dass bei belasteten Begriffen in Anwaltdeutsch immer gleich ein Hauch von Indiskretion und von Diskreditierung mitschwingt. Deutsche sind insbesondere gegenüber gescheiterten Unternehmern intolerant. Die Angst vor dem Outing gleicht der Furcht mit einer abstoßenden Krankheit an die Öffentlichkeit zu gehen.

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Der Arm wird taub und lahm vom langen Halten der Waage. Foto: Tim Reckmann, pixelio

Eher aus der Wirtschaftsberichterstattung kommend, ging mir gleich nach Antritt als Chefredakteur von „return – Das Magazin für Unternehmensführung und Sanierung“ schnell auf, dass dies nicht gesund sein kann. In der Verwalterszene, die einen geschlossenen, fast abgeschotteten Kreis bildet, liegt das Schicksal von Firmen vor allem in den Händen einer Zunft, die besser in Paragrafen als in Preisstrategien ist. Nun habe ich überhaupt nichts gegen Juristen, wertschätze sie sogar auch im Freundeskreis wegen ihres oft klaren und analytischen Verstandes, doch mit Blick auf die mir bestens bekannte Zielgruppe in der Unternehmerschaft bin ich doch verwundert, dass das Thema nicht mehr in der Wirtschaft wurzelt, sondern bei Gericht.

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Maulwurf, auch blind. Foto: Astrid Götze-Happe, pixelio

Zutrauen und Zuversicht in Gesetzgeber?

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Galloway, fast blind. Foto: R.B., pixelio

Wie sollen denn Unternehmer noch Zutrauen und Zuversicht für die vom Gesetzgeber gewollte zweite Chance entwickeln? Vertrauen ist doch wohl wie in einem guten Lieferantenverhältnis die Basis, die genauso gefragt ist, wenn in Krisenbewältigung mit gegenseitiger Achtung eine für alle Beteiligten vertretbare wirtschaftliche Lösung zu suchen und zu finden ist. Da, wo im Vordergrund der Eigennutz des Verwalters steht, der sich mit Rechtsbüchern bewaffnet, bleibt als Reaktion ein Reflex nicht aus. Wenig wundert dann die Zurückhaltung betroffener Inhaber und Manager, zur Rettung ihrer Firmen rechtzeitig die richtigen Mittel zu wählen.

Die Verrechtlichung der Verfahren, vorausschauend ein kluges Management zur Krisenvorbeugung und -bewältigung zu betreiben, hat in den vergangenen zwei Jahrzehnten weder dazu beigetragen, dass die Zahl der Sanierungen steigt noch frühzeitig Insolvenzanträge gestellt wurden. Kurzum: Vertrauensbildende Ma618296_web_R_by_Gerhard Frassa_pixelio.deßnahmen wirken sich anders aus. Unter der Macht des Rechts stellt das Angebot sichtbar keine attraktive Offerte dar. Zurückhaltend formuliert bestimmen die Vorbehalte gegenüber der Wucht der Gesetze und rechtlichen Vorgaben geradezu spürbar sogar auch das interne Krisen- und Sanierungsmanagement in Unternehmen. Die Juristen, die schon immer als sanierungsaffine Insolvenzverwalter agierten, gelten auch unter dem ESUG als gefragte Experten. Funktionierende Märkte geben also in der Regel die richtigen Antworten. (Foto rechts: Gerhard Frassa, pixelio)

Wie sensibel das „Scheitern als Schande“ von Firmeninhabern und in der Gesellschaft wahrgenommen wird, behandeln neuerdings interessante Studien, die zwar den Gedanken von zweiter Chance bestätigen, aber auch die fehlende Akzeptanz gegenüber gescheiterten Wirtschaftskapitänen. Die Scham sitzt tief, weshalb sich auch „return – Das Magazin für Unternehmensführung und Sanierung“ auf die Fahnen schreibt, etwas gegen diese Haltung zu tun und durch Positiv-Beispiele zum Wandel beizutragen. Die kritische Auseinandersetzung mit den derzeitigen Triebfedern für eine erweiterte und weiter erleichterte Sanierung von Unternehmen auch unter Schutzschirm zählt dazu.

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Frau vor Blau. Foto: Tim Reckmann

Spezialisierte Gerichte oder vertraute Kammern

Man muss nicht besonders emphatisch sein, um nachvollziehen zu können, dass einem zur Sanierung bereiten Unternehmer nicht wohl dabei ist, sich dafür quasi vor Gericht begeben zu müssen. Kaum einsichtig ist meines Erachtens zudem, dass jedes Amtsgericht auch mit diesen Aufgaben betraut ist. Warum sind nicht flächendeckend, aber doch klar spezialisiert wenige(r) Gerichte mit der benötigt hohen Kompetenz für das Gebiet der Insolvenzen verantwortlich? Oder wäre gar grundsätzlich, wie schon mal angedacht und verbunden mit leichterer Überwindung von Unternehmern für diesen Gang, eine Ansiedlung der Insolvenz-Anmeldung etwa bei den Industrie- und Handelskammern nicht ratsam?

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Wie viele Gesetze wohl schon in der Tonne landeten, weil sie an der Praxis vorbei nicht den gewünschten Effekt erbrachten? Foto: Dieter Schütz, pixelio

Die Szene der Verwalter und Berater, die Unternehmen aus Krisen begleiten, ist geprägt von Rechtsexperten. Inwieweit hier ganzheitliche Wirtschaftskompetenz verankert ist, vermag ich zwar nicht (negativ) zu beurteilen. Doch näher dran an betrieblichen Prozessen erscheinen mir schon die nicht-juristisch geprägten Berufe, die ihren Job umfassend verstehen. Studien haben schon in den 70er-Jahren belegt, dass sie die erfolgreicheren Sanierer im Sinne überlebender Krisenunternehmen sind. „Juristen neigen zum Zerschlagen“, betonte jüngst erneut Harald Elster als Präsident des Deutschen Steuerberater-Verbandes im Interview unseres Magazins (return 03/2015). Das würde er nicht wagen, wenn er sich damit zu weit aus dem Fenster lehnte. Aus der täglichen Praxis ist das auch nachvollziehbar: Anwälte kommen meist eher punktuell in Unternehmen zum Zug und kennen daher die Besonderheiten von Unternehmen und Branche vergleichsweise weniger gut.

Nur profitable Wertschöpfungsketten retten

Mit dem ESUG hat der Gesetzgeber gewollt, dass mehr Unternehmen und damit Arbeitsplätze gerettet werden. Das funktioniert am besten, wenn Sanierer die gesamte Wertschöpfungskette betriebswirtschaftlich betrachten und geeignete Maßnahmen ergreifen, das Grundlegende auf den Weg der Gesundung zu bringen: die Profitabilität. Dazu bedarf es einer fundierten Wirtschaftskompetenz und langjähriger Erfahrung. Das 2012 eingeführte ESUG war gemeint als Gesetz für die Wirtschaft. Doch weil der Fisch meist vom Kopf her stinkt, beschäftigt sich jetzt ausschließlich das Bundesjustizministerium mit der Evaluierung. Warum ist bei diesem zentralen Gesetz unserer Wirtschaftsordnung das Bundeswirtschaftsministerium nicht federführend? Oder zumindest wie in Österreich gleichwertig involviert?

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Griechisch-römisch ist nicht nur das Ringen, sondern auch der Mythos der Göttin Justitia. Foto: Markus Hein, pixelio

Wir brauchen nicht nur einen Wandel in der Einstellung von Deutschen gegenüber dem Scheitern als Chance. Eine Schieflage ist keine Schande, sondern ermöglicht nochmal neu oder anders anzufangen. Besonders gegenüber Unternehmern sollte mehr Zutrauen in die Anpassung an veränderte Marktgegebenheiten bestehen. Ihre Pflicht – denken wir nur an Forschung und Entwicklung für Innovationen und Produkt-Weiterentwicklungen – ist dem Wesen nach das Wagen, das Ausprobieren und das Testen. Wer Unternehmertum so versteht, muss im betriebswirtschaftlichen Hospital auch bei Sanierungen auf die Selbstheilungskräfte der Wirtschaft vertrauen – der Gang zu Gericht ist dabei keine vertrauensbildende Maßnahme.

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