Gesichter der Gegenwart

Wer findet die fürchterlichste Fratze dieser fünf in der Fußgängerzone? Vor allem frappant daran, dass heute schon fürs Verkleiden und Verunstalten gutes Geld verlangt wird. Foto: TG

„Das Elend hat viele Gesichter. Wie gefällt Ihnen meins?“ Diese Aufforderung zur Aussage finde ich beim Ergooglen wieder unter einem „Antrag an meine lieben Mitmenschen“ des Satirikers Wiglaf Droste, dem unter anderem hierzu immerhin schon vor fast 20 Jahren eine Seminararbeit gewidmet wurde. Danach möchte er, dass diesen Spruch ausnahmslos alle lebenslang auf einem Schild um den Hals tragen sollten. Denn das stünde ihnen bzw. uns „gut zu Gesicht“. Trotzdem ein seltsamer Wunsch. Nicht aus dem Gesicht wegzuwischen wie ein Krümel scheint indes die Tatsache, dass uns die Gegenwart doch viele Gesichter des Elends vor Augen führt in Form von abwegigem Verhalten in Doku-Serien von Privatsendern beispielsweise. Oder in Form von gesellschaftlich wie politisch abscheulichen Haltungen etwa gegenüber Minderheiten, die wir schon längst für ausgestorben hielten. Getreten wird dabei gerne nach unten auch von Niederen gegen willkürlich ausgewählte Opfer: Hartz-Empfänger, Flüchtlinge oder jetzt wieder spürbar Juden. Zu letztgenannter Gruppe versuchte ich mir am Wochenende von einem Historiker den Ursprung dieses in Wellen mal weniger, mal mehr ausgeprägten Hasses erklären zu lassen. Vergeblich. Für Doofheit braucht es offensichtlich keinen Grund. Gleichwohl bleiben wir hier, wenn auch mit zeitlicher Verzögerung dafür im Spektrum von Vorbildern bis Elendsfratzen, bei halbwegs sachlicher Aufklärung statt bei fiesem Fake:

Fieses Alter 50plus, fehlende Firmenchefs

15. Februar: „Künftig braucht es mehr Kreativität, mehr Mitdenken“, berichtet Bärbel Brockmann auf „SZ.de“  über die „Arbeitswelt 4.0“, in welcher der hier als Überschrift präsentierte Slogan gilt: „Der Chef wird Moderator“. Business Schools böten schon zu „Digital Leadership“ eigens Programme wie die „Goethe Business School“ in Frankfurt berufsbegleitend den Abschluss „Master of Digital Transformation Management“ (kurz vielleicht: MDTM?). Gefragt sei ein „Führungsstil, mit dem die Herausforderungen bewältigt werden können“, wird Utho Creusen von der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt zitiert, so dass Offenheit erzeugt wird, um sich schneller anzupassen und beispielsweise auf ein neues Geschäftsmodell einzustellen. Die „heute 50- bis 60-Jährigen“ sind für den rigorosen Soziologie-Honorarprofessor dazu nicht mehr zu gebrauchen: Ihnen fehle nicht nur die Bereitschaft zur Akzeptanz von Veränderungen, sondern die Fähigkeit. Professor Utho Creusen selbst ist über diesen Punkt hinweg, denn er feiert in diesem Jahr seinen 62. Geburtstag. Glückwunsch!

16. Februar: Gute Nachrichten zum Wochenende: Das Institut für Mittelstandsforschung (IfM) in Bonn hat ausgerechnet, dass in den kommenden fünf Jahren in rund 150.000 Familienunternehmen die Führung übergeben werden muss. Das sind nach Adam Riese oder Eva Zwerg 30.000 Übergaben von Unternehmen pro Jahr. Pro anno seien fast eine halbe Millionen Beschäftigte davon berührt in den drei besonders betroffenen Branchen aus dem Dienstleistungssektor, aus dem produzierenden Gewerbe und aus dem Handel. In absoluten Zahlen fallen die meisten Nachfolge-Regelungen mit 32.300 Fällen in Nordrhein-Westfalen, nach Übergaben je 1.000 Unternehmen die meisten im Bundesland Bremen. Ob sich in der Bundesrepublik oder anderswo genug Nachwuchsunternehmer finden? Ob die rosa Ina Deter bald „Neue Bosse braucht das Land“ fordert?

Verbrannte Finger des Fernsehkochs

17. Februar: Starkoch „Jamie Oliver hat sich die Finger verbrannt“, titelt ziemlich gehässig die „FAZ“  über seine Restaurantkette als aktuellen Sanierungsfall. Shocking! Für das in Schieflage geratene Unternehmen haben die Gläubiger einem Restrukturierungsplan zugestimmt, der helfen soll, eintausend achthundert (!) – in Zahlen: 1.800 – Arbeitsplätze zu retten. Dafür allerdings sollen zwölf von 37 der britischen Restaurants unter dem Namen „Jamie’s Italien“ geschlossen und zwei „Barbecoa Premium Steakhouses“ in London verkauft werden. Die Ausstände sollen 71 Millionen Pfund inklusive unbezahlter Gehälter, Miet- und Steuerschulden betragen, behauptet die „Sun“, während die Unternehmensführung von 37 Millionen ausgeht. Jamie Oliver selbst jedoch gehört nicht zu den Ärmsten – mit 37 Millionen verkauften Kochbüchern und einem geschätzten Privatvermögen von 160 Millionen Pfund (britische Währung, nicht Gewichtseinheit!). Hauptsache, er verbrennt sich nach den Fingern nicht auch noch seinen Mund, etwa mit Chocolate Hot Cross Buns, denn dann könnte er nicht mehr so ausgesprochen anfeuernd seine Kochvorführungen moderieren:

19. Februar: Der 3-D-Druck zählt zweifelsohne zu den Transformationstreibern in der Wirtschaft. Rund um die Technische Universität Darmstadt befasst sich jetzt ein Forschungsverbund mit dem 3-D-Druck im Bauwesen. Wir haben hierzu schon in return 04/15 mit dem Heft-Schwerpunkt zum „Bau-Markt“ berichtet, dass ganze Häuser – wie im chinesischen Suzhou eine komplette Luxusvilla – aus dem Printer kommen. Irre! Dieser digitale Produktwandel verändere alte Wertschöpfungsketten, folgerte damals Autor Volkmar Halbe zur Auswirkung der revolutionären Technologie in der Baubranche. Denn wenn schon die äußere Haushülle gedruckt werden kann, dürfte es kein Problem darstellen, auch das Innere so herzustellen. Mögliche Einsatzgebiete gedruckter Bauteile sieht der Darmstädter Institutsleiter Prof. Jörg Lange vor allem bei Fassadenbauteilen und bei Verbindungselementen. Bin auf den Bestand verbundener Bauteile gespannt.

Wie Urlaub in Offenbach

20. Februar: „Fußball am Montag ist wie Urlaub in Offenbach“, sehe ich auf einem Transparent von Frankfurter Fans, die damit im Stadion während der Partie der Eintracht gegen den Rasensport-Ballverdings Leipzig ihrem Unmut kundtun über das Verteilen des Spieltags. Selbst Verantwortliche befürworten später vor Kameras die überwiegend friedlichen Proteste, weil – so der Tenor – so langsam die Grenze der Vermarktung erreicht sei. Finde ich immer gut, wenn sich die Großverdiener mit Anhängern solidarisieren, bevor sie womöglich dann doch zu einem anderen Arbeitgeber wechseln. Alle anderen seien gefragt, warum sie ihre Anti-Montags-Demo nicht mal konsequent durchs Arena-Fernbleiben mehr Ausdruck verleihen.

12. Februar: Werden Chefs für ihr Handelns bei negativen Konsequenzen deutlich mehr getadelt als Mitarbeiter, deren Handeln gleich schlimme Folgen hat? Diese Folgerung legt ein Experiment nahe von Forschern der Unis in Köln (Psychologie) und Bochum (Philosophie). „Wir haben guten Grund zu der Annahme, dass die soziale Rolle wesentlich mit darüber entscheidet, wie viel Tadel wir einer Person für negative Konsequenzen zuschreiben“, wird der Philosophie-Professor Albert Newen zitiert. Empirische Befunde zeigten, „dass Menschen ihre moralischen Urteile auf andere Weise fällen, als Moralphilosophen es gerne hätten“. In dem Experiment erhielt ein Chef mehr Tadel als ein Angestellter, obwohl der Erstgenannte die Entscheidung mit negativen Folgen gar nicht selbst getroffen hatte. Ausführlich beschrieben haben die Wissenschaftler ihren Test und seine Ergebnisse in ihrem langatmig betitelten Aufsatz „A new look at the attribution of moral responsibility: The underestimated relevance of social roles“ hier.

Dr. Anne-Kathrin Bühl und (unten rechts) Prof. Klaus Melchers erforschten erfolgreiches Faking von Bewerbern. Fotos: Eberhardt/Uni Ulm

22. Februar: „Faking“ macht Schule: Bewerber, die in Vorstellungsgesprächen übertreiben, bewerten die Auswahljurys tatsächlich besser. Für mich ein weiterer Beleg für den Lotterie-Charakter in Bewerbungsverfahren. Zumindest, wenn durch Schummmeln qualifiziertere Kandidaten scheitern. „Bisher gab es zahlreiche Studien, die belegen, dass Bewerber in Persönlichkeitstests durch Faking ein deutlich positiveres Bild abgeben. Inwieweit Faking in Auswahlgesprächen jedoch ebenfalls zu besseren Leistungsbeurteilungen führt und ob es die Vorhersagekraft dieser Gespräche beeinträchtigt, war bis jetzt völlig unklar“, erläutert Professor Klaus Melchers als Leiter der Abteilung für Arbeits- und Organisationspsychologie der Universität Ulm, der mit Dr. Anne-Kathrin Bühl für die gemeinschaftliche Studie mit Forscherkollegen aus St. Louis (USA) verantwortlich zeichnete. Im Test wurden Kandidaten, die ihre Antworten den vermuteten Anforderungen angleichen, tatsächlich besser beurteilt. Personaler müssten allerdings „dieses Verhalten nicht fürchten“, entwarnen die Wissenschaftler: Denn erfolgreiches Faking lasse „auf eine hohe kognitive Leistungsfähigkeit schließen“. Also wird das Lob auch noch als besonderes Können gewürdigt? Guten Abend, gute Nacht!

I-Society und E-Diversifizierung

25. Februar: Gründung des neuen Netzwerkes „The Interface Society“ in Hamburg. Der Expertenrat aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik will die digitale Transformation in Norddeutschland fördern. Zu den beteiligten Organisationen zählen der Versandhändler Otto, die Agentur Fischer-Appelt und der IT-Fachbereich der Uni Hamburg. Noch-Bürgermeister Olaf Scholz behauptet gleich keck: Hamburg sei „ein Knotenpunkt der Digitalisierung und der Innovation“. Hier sei dem künftigen SPD-Bundesfinanzminister – oh, oh! – erzählt: Hinter den sieben Bergen, bei den sieben Zwergen, nämlich in Darmstadt, haben sich schon im Oktober des vergangenen Jahres technologische Weltmarktführer wie Dürr, Zeiss oder DMG Mori zur strategischen Allianz Adamos zusammengeschlossen.

28. Februar: „Aller Skepsis zum Trotz – die globale Automobilität wird in Zukunft elektrischer“, lautet das Fazit aktuelle Studie des Industrieverbands Giesserei – Chemie (IVG) unter der Leitung von Professor Stefan Bratzel vom Center of Automotive Management (CAM) in Bergisch Gladbach. Was aus der deutschen Zuliefererbranche für Verbrennungsmotoren wird, lautete dabei eine der Fragen, die die Untersuchungsergebnisse beantworten sollten. Es sei für Zulieferunternehmen „ratsam, entsprechende Anpassungs- und Transformationsstrategien vorzubereiten“, heißt es. Empfehlung: Zum einen seien „Optionen einer technologischen Kompetenzerweiterung denkbar wie Komponenten der Elektromobilität“. Zweitens böten sich Strategien der „Branchendiversifizierung jenseits der Autoindustrie an, um den Handlungskorridor zu erweitern“. Drittens könnten Unternehmen erwägen, „die Wertschöpfungstiefe und -breite“ rund um den Verbrennungsmotor zu erhöhen und „damit zu den Konsolidierungsgewinnern zu zählen“. Zu viel Zeit sollten sich die Unternehmen angesichts der enormen Anforderungen für die Umsetzung derartiger Transformationsstrategien aber nicht lassen, rät Studienleiter  Bratzel. Seine Prognose: Im Jahr 2030 fahren fast 30 Prozent E-Fahrzeuge als Neuzulassungen auf deutschen Straßen, was einen jährlichen Absatz von rund 900.000 Pkw bedeutet. Insgesamt werden dann rund sechs Millionen Elektro-Pkw unterwegs sein. Das Produktionsvolumen für Verbrennerfahrzeuge wird von 3,2 Millionen Fahrzeugen (2016) auf nur noch 2,4 Millionen sinken, sagt Prof. Bratzel voraus und fasst „Das R.I.P.-Problem der Elektromobilität“ hier in einem Vortrag zusammen:

Digitale Transformation: Sold des Professors

1. März: „Zum frühestmöglichen Zeitpunkt“ möchte die Universität der Bundeswehr in München eiligst eine Professur für „Digitale Transformation“ besetzen. Die Stelle wird im Hochschulbereich für Angewandte Wissenschaften der Fakultät Betriebswirtschaft im Studiengang „Management und Medien“ eingerichtet, kündigt die Ausschreibung in „zeit online“ an. Von Bewerbern gefordert  sind unter anderem „Erfahrungen bei der Analyse von informationstechnischen Anforderungen betrieblicher Prozesse und der Entwicklung digitaler Anwendungen und Geschäftsmodelle“. Im Masterstudiengang stehen digitale Geschäftsmodelle und Entrepreneurship im Zentrum der Lehre, heißt es weiter. Für die als „W2-Professur“ ausgeschriebene Stelle gibt es laut Besoldungstabelle ein Gehalt von 5.646,38 Euro. Nein, nicht wöchentlich!

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