Glück gehabt, Norweger!

Zum Glück müssen wir nicht jeden Morgen in den gleichen Kindergarten wie „Richi“ D. Precht aus Solingen. Also jener gewissermaßen nach Aufmerksamkeit gierende und auf Publicity geile Philosoph, der uns oben im Film die „schwere Frage“ (sic!) beantwortet nach der Definition von fortuna beziehungsweise fortune mit Begriffen wie „Freude, Unbeschwertheit“ sowie „Genüsse“ des Geistes oder wahlweise des Körpers, um mit oft fragendem Blick in dem Hammersatz zu enden: „Das ganze Glück ist immer mehr als die Summe seiner Teile.“ Bombe! Wissen macht Ä.
Zum Glück könnten wir auch wegen ihm nach Norwegen auswandern, wenn uns danach wäre. Denn dort lebt das glücklichste Volk der Welt, berichtet der soeben erschienene „World Happiness Report“ (links im Bild). Zum fünften Mal erschien diese Studie im Auftrag der Vereinten Nationen (UN), für die Forscher der New Yorker Columbia University unter anderem Länder mit den quasi zufriedendsten und unzufriedendsten Erdbewohnern durch Befragungen ermittelten. Immerhin schafft es Deutschland vor Belgien, Luxemburg und Chile auf Platz 16 der Glücksgunst-Tabelle, die unverständlicherweise nicht von „Kinder Happy Hippo“ der Firma Ferrero gesponsert ist.

(G)lück, luck, lykke

Die starke Präsenz ihrer Nationen unter den Top 10 lässt darauf schließen, dass die Skandinavier offensichtlich das Glück gepachtet haben. Obwohl das punktuell oder anhaltend empfundene Gefühl, das sich bei Erfüllung menschlichen Wünschens und Strebens einstellen soll, dort relativ unspektakulär auf Norwegisch „lykke“, auf Dänisch „held“ und auf Finnisch „onni“ ruft. Beim Erstgenannten wird zumindest eine Verwandschaft zum Deutschen „(G)lück“ und zum Englischen „luck“ erahnbar. Auf der Suche nach dem verlorenen Glück reisen nun vermutlich noch mehr Touristen ins Kongeriket Norge, um ihres zu finden. Dabei schreckt die ewiggestrige Staatform der „Erbmonarchie“ aufgeklärte Bürger auf den ersten Blick wohl eher ab. Sehr viel ansehnliche Landschaft mit sehr wenig Menschen drin versprechen zwar ungestörte Einsamkeit, ob aber allein so sich Glück einstellt bei den knapp fünf Millionen Einwohnern, von denen 75 Prozent in Städten wie Oslo, Bergen, Trondheim oder Stavanger wohnen? Bemerkenswert neben der noch geringen Quantität ist allerdings die Qualität der vermehrungsfreudigen Eingeborenen: Nachdem sich schon im 20. Jahrhundert die Bevölkerungszahl verdoppelt hat, zeigen sich aktuell aktive Norweger mit der höchsten Geburtenrate Europas besonders fleißig fürs Kinderglück; die größte Volksgruppe ist vermutlich nicht von ungefähr die der „Samen“. Zuzüge heißen die Einheimischen zudem willkommen – ob gesuchte Arbeitskräfte und wohlhabende Pensionäre aus dem Ausland. Für die Erstgenannten gewährt der Staat sogar zahlreiche Starthilfen und finanzielle Anreize in den ersten 24 Monaten. So bleibt die Bekämpfung von Fachkräftemangel kein Glücksspiel.

Glückspilze in 10.000 Arten

Als erwähnenswert am fast flächengrößten Land in Europa erscheinen noch die 10.000 Arten an Pilzen, vielleicht auch noch mit Statoil, Hurtigruten und Meltwater die mir bekanntesten unter den größten Unternehmen. Aber die komforablen Öl- und Gasvorkommen sind gar nicht so entscheidend für den Glücksmoment: Norwegen habe die Top-Position trotz des schwächer werdenden Ölpreises und damit trotz geringerer Staatseinnahmen erobert, wundert sich „Der Tagesspiegel“. „Manche sagen sogar, dass Norwegen seinen hohen Glücksstandard nicht wegen seines Ölreichtums erreicht, sondern trotz des Ölreichtums“, werden dazu die Wissenschaftler zitiert. Das Land sei fest entschlossen, „die Vorkommen nur langsam auszubeuten und die Gewinne in Zukunftsprojekte zu investieren“, was nur gelinge, „weil es in der Bevölkerung ein hohes Vertrauen, gemeinsame Ziele, Großzügigkeit und gute Regierungsführung“ gebe. Gut, dafür haben wir zum Ausgleich glücklicherweise Angela Dorothea Merkel aus der Uckermark und Martin Schulz aus Würselen.

Geschichte des Glücks

Der Erfolg in Norwegen ist kein Zufallsglück: Die Vereinten Nationen stufen den Staat schon seit vielen Jahren gemessen am „Index der menschlichen Entwicklung“ (HDI) als das am weltweit am weitesten entwickelte Land ein. Auch bewertete am „Demokratieindex“ der britischen Zeitschrift „The Economist“ gilt Norge als der demokratischste Staat der Erde.  Überhaupt können wir uns glücklich schätzen, dass die oben genannte Studie zum „Weltglückstag“ vorgelegt wurde, denn es steckt mehr Sinn dahinter als bloß Fördergelder auszugeben. Mit dem International Day of Happiness möchte die UNO angeblich das Streben nach Glück als Ziel für die globale Politik im Sinne des Wohlergehens für alle Menschen auf der Welt fördern. Die ursprüngliche Initiative soll übrigens von Bhutan ausgegangen sein, woraus die UN-Resolution 66/281 entstanden ist, die Glück als Ausgleich von Ökonomie, Sozialem und Umwelt definiert und den 20. März als festes Datum festlegte. Im Grunde also überhaupt kein „kurioser Feiertag“.

Schließlich untersucht die oben genannte Studie in 155 Länder anhand jeweils mehr als 3.000 befragten Menschen nicht nur Bruttoinlandsprodukte (BIP) als Kriterien des Glücks, sondern auch die Arbeitslosigkeit, die Lebenserwartung, die geistige Gesundheit, die Selbstwahrnehmung, das soziale Umfeld und eben das Vertrauen in Regierung und Unternehmen sowie Arbeitslosigkeit. Glücksforscher sprießen nicht erst seitdem wie Pilze aus dem Boden. So weist uns das eigens unterhaltene „Glücksarchiv“ neben einem Sammelsurium von Psychologischem, Pädagogischem und Philosophischem zum besseren Verständnis des Themas auch hin auf den Unterschied zwischen „Glück haben“ und „Glück empfinden“. Schwein gehabt, oder?

Genetische Glücksblockade?

>> Der Mensch ist unglücklich, weil er nicht weiß, dass er glücklich ist. Nur deshalb. Das ist alles, alles! Wer das erkennt, der wird gleich glücklich sein, sofort im selben Augenblick. <<

Fjodor Michailowitsch Dostojewski, „Die Dämonen“

Ein Stück vom Glück beschert uns „Alex von FlowFinder“ auf Youtube, indem er wortreich seine 12 Strategien zum Steigern von Glück verrät. Für ihn besteht Glück danach zu 50 Prozent aus „Genetik“ (!), ist zu 10 Prozent geprägt durch (andere?) Umstände und zu 40 Prozent beinflusst von (falschem oder richtigen?) Verhalten. Interessanter Ansatz, Alex.
Wissenschaftlich fundierter kommt da schon die glücksbringende Grant-Studie daher, mit der Forscher versuchen zu erklären, was glückliche Menschen anders machen als andere. Dafür begleiten sie seit mehr als 75 Jahren insgesamt 268 Harvard-Absolventen des Jahrgangs 1910 aufwärts vom Studium bis zum Ruhestand. Zu den bekannten Probanden zählt der ehemalige Präsident John F. Kennedy. Im „SZ“-Interview mit dem Leiter der Studie, dem Psychiater und Harvard-Professor George E. Vaillant, beantwortet dieser die Frage danach, was Glück sei, mit der schönen Beschreibung: „Im poetischen Sinne ist Glück, in sein Ferienhaus zu kommen und die Wäsche sauber und ordentlich gefaltet vorzufinden. Und dabei von vier liebenden Kindern und sechs liebenden Enkeln umgeben zu sein.“ Auf die Nachfrage, ein Ferienhaus müsse man sich leisten können, erwidert Vaillant zurecht: Reich zu sein sei kein Garant für Glück. Glück sei zudem, „nicht immer alles gleich und sofort zu wollen“, sondern sogar weniger zu wollen.

Sinnsuche statt Konsumlust?

„Couple in luck“? Trügerisches Glück angesichts hoher Scheidungsquoten.

Wie wahr Vaillant spricht vermag gerade heute die wachsende Zahl der Sinnsucher belegen, denen rein finanziell gesehen jede Menge an Konsum möglich sein müsste, um glücklich Bedürfnisse zu befriedigen. Selbst wenn der Trend zum „nahtlosen Einkaufserlebnis“ in jeder zweiten Handelsstudie zelebriert wird wie jüngst wieder in der gemeinsamen Untersuchung der Wirtschaftsprüfung PwC und des Softwarehauses SAP. Der World Happiness Report indes verweist darauf, dass etwa die Menschen in China trotz Verfünffachung des Bruttosozialproduktes nicht glücklicher seien als vor 25 Jahren. Auch in den USA ermittelte die Studie zurücktretende Glückswerte trotz steigender Durchschnittseinkommen und wachsenden Bruttosozialprodukts, weil das Land zu sehr auf Wirtschaftszahlen abhebe. Abnehmende Solidarität, ethnische Gegensätze, zu viel Korruption und steigendes Misstrauen deuteten im Trump-Reich auf eine wachsende soziale Krise. Laut UN-Bericht weiter warten aufs Glück müssen als Schlusslichter die Menschen in der Zentralafrikanischen Republik, Burundi und Tansania. Bleibt ihre Zufriedenheit dort: reine Glückssache?

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