Kitzeln zum Konsum

Das Kitzeln löst – jetzt endlich wissenschaftlich belegt – starke positive Emotionen aus. Nachgewiesen vorerst zwar nur bei quasi kichernden Ratten, aber bestimmt auch bahnbrechend für baldige Verkaufstricks im Konsumgeschäft, wenn erst der Schlüssel dadurch für Verhaltensbeeinflussung beim Menschen gefunden ist. Kaufen Kunden mehr ein, wenn sie vorher ordentlich an Achsel, Rumpfseite oder Fußsohle gekillert wurden bis zum Lachkrampf, erwarten uns künftig sicher im Eingangsbereich professionelle Kitzel-Crews. Für neue Begrüßungsrituale wird es auch Zeit, nachdem Modehändler Abercrombie & Fitch seine wortkargen, halbnackten und „nach Nippeln ausgewählten“ Männer-Models vor den Läden abgeschafft hat, um sie durch „Markenvertreter“ zu ersetzen, weil’s vorher Kritik hagelte und danach sogar Marketing-Chef Mike Jeffries zurücktrat. Ähnlichen Ärger handelte sich Unterwäscheverkäufer Victoria’s Secret mit seinen Mager-Models ein, worauf beispielsweise der Dessous-Hersteller „Curvey Kate“ bedenklich bekloppt und angeblich „parodistisch“ konterte mit barocken Brummern für die „Summer 2016 lingerie collection“ aus sicher auch vielen kitzeligen Kurven:

Kaufbereitschaft herauskitzeln

Zurück zu Konsumerkenntnissen über Übungen mit pfeifenden Vorratsschädlingen: Die neue Willkommensbehandlung im Eingangsbereich von Drogerie und Discounter wird womöglich die Kaufbereitschaft um ein Zigfaches fördern, weil gutgelaunte Konsumenten sich zuerst vor Lachen und dann ihre Finanzreserven ausschütten. Die untersuchten Nager zumindest haben „äußerst positiv auf das menschliche Kitzeln reagiert“, wie die Forscher der Humboldt-Universität zu Berlin durch kräftiges Kraulen an Rücken, Bauch und Schwanz der behaarten Tiere ermittelten. Während Letztgenannter, nämlich der eher gummiartige Rattenschweif, kaum Regung bei den pelzigen Probanden zeigte, funkte es über die Fellgefühlsstellen kräftig: Die Tiere gaben zahlreiche kurze quiekende Rufe in Ultraschall-Frequenz von sich, sie folgten erwartungsfroh der kitzelnden Hand und sie vollführten irre Freudensprünge auf zwei Beinen. Beim Besucher im Laden mag sich unsereins so ein Gehampel auch gerne vorstellen. Doch auch  bei uns Menschen sind bekanntlich nur bestimmte Körperteile kitzlig, so dass auf jeden Fall erst das Ausbildungsprofil zum bzw. zur staatlich geprüften Kitzler und Kitzlerin geschmiedet gehört. Selbst kitzeln können wir uns schließlich nicht.

Die „Kitzligkeit“ beschäftigte historisch betrachtet schon Aristoteles und Charles Darwin, bleibt aber bis heute die eigenartigste und am wenigsten verstandene Tastempfindung. Die Wahrnehmung tierischer Sinnesorgane untersuchten diesmal Michael Brecht, Professor für Systembiologie und Neural Computation an der Humboldt-Universität Berlin, und vor allem sein Kollege Dr. Shimpei Ishiyama, der auf dem Foto allerdings aussieht, als habe er nach dem liebevollen Grabbeln der Ratten einige der Felle zum Tragen von Kragen verarbeitet. Die Mechanismen, die der Kitzligkeit zugrunde liegen, bleiben jedoch unbekannt. Immerhin fanden sie heraus, was im Gehirn passiert, wenn wir gekitzelt werden und welche Hirnregionen für Kitzligkeit zuständig sind. Um die besondere Art der Berührung besser zu verstehen, konzentrierten die Wissenschaftler ihren Kitzel-Untersuchungen auf die Tastempfindungen verarbeitende Region im Gehirn, die „somatosensorischer Kortex“ genannt wird. Sie ist wie eine Abbildung des Körpers angeordnet mit entsprechenden Bereichen für jedes Körperteil. In der Rumpfregion beobachteten die Forscher stärker aufs Kitzeln ansprechende Nervenzellen, die darauf deutlicher als auf eine normale Berührung antworteten.

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Kitzelzellen: Eine Region im Gehirn verarbeitet Tastempfindungen im somatosensorischen Kortex, der wie eine Abbildung des Körpers angeordnet ist mit entsprechenden Zonen für jedes Körperteil. Foto: Shimpei Ishiyama, HU

Kitzelforschung, Spieltrieb, Sozialverhalten

Die „kitzligen“ Zellen waren auch während der anderen beobachteten Spielverhalten aktiv. Die bloße elektrische Reizung dieser Nervenzellen genügte, um die gleichen Ultraschallrufe auszulösen. Bemerkenswerterweise waren die Reaktionen auf Kitzeln bei ängstlichen Tieren unterdrückt, und somit wie auch beim Menschen stimmungsabhängig. Die Befunde aus Berlin deuten darauf hin, dass Nervenzellen in der Hirnrinde bei der Entstehung der Kitzligkeit eine entscheidende Rolle spielen. „Es sieht so aus, als hätten wir die kitzlige Stelle im Gehirn gefunden. Die Ähnlichkeit von Zellantworten beim Kitzeln und Spielen ist bemerkenswert. Vielleicht dient Kitzeln dazu, Individuen zum gemeinsamen Spielen zu bringen und gewinnt dadurch für das soziale Miteinander an Bedeutung. In diesem Zusammenhang war es entscheidend, den zugrundeliegenden Mechanismus im Gehirn zu verstehen“, wird Brecht zitiert, der die Forschungsergebnisse gemeinsam mit Ishiyama in „Science“ veröffentlicht hat.

Wie kniffelig das Kitzeln auch sprachlich einzuordnen ist, zeigt ein Blick in den Duden: Der Kitzel steht dort einerseits für Gefühle, die „durch leichte Berührung auf der Haut oder den Schleimhäuten hervorgerufene, dem Juckreiz ähnliche Reizempfindung“ auslöst werden. Andererseits für ein „mit angenehmen Gefühlen verbundenes Verlangen, etwas zu tun, was sich eigentlich nicht gehört, was eigentlich nicht statthaft, was gefährlich, verboten ist“. Selbst Shimpei Ishiyama berichtet von seinen Beobachtungen bei Ratten über „eine primitive Art der Freude“. Wohl nicht zufällig befinden sich im Duden die Begriffe rund um den Kitzel – als Synonym für Euphorie, Hyperthymie, Juckreiz, Kick, Reiz(empfindung), Verlockung – zwischen der Bezeichnung zarter junger Rehe, Gämsen und Ziegen, kurz: den „Kitzlein“, und dem mindestens genauso behutsam zu behandelnden „Kitzler“ oder eben der „Kitzbühelerin“. Warnung also: Eine behutsame Behandlung erfordernde Angelegenheit im Sinne von heikel, delikat und prekär bleibt das Kitzeln auf jeden Fall – ob bei Rattus oder bei Homo sapiens beziehungsweise oeconomicus. Oder wie Engländer fast lautmalerisch so schön zur brenzligen Angelegenheit sagen: It’s a ticklish issue! Tückisch indes ist es schon, wenn Omas versuchen ihren Babyenkel ein Lachen abzuringen, indem sie 53 Mal hintereinander in den Kinderwagen mit aufgerissenen Augen starren und rhetorisch „Ja, wo isser denn?!“ rufen. Ebenso bedenklich muten Tiervideos an, in denen Kreaturen für einen Youtube-Clip zu Tode gekitzelt werden wie hier einer unserer nächsten Verwandten:

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