Sexy motorisiert, sinnlich mobil

Schleudergefahr besteht für stillstehende Geschäftsmodellbetreiber in der Automobilbranche, denn die Mobilitätszukunft hält jede Menge Veränderungen bereit, auf die mit Transformation zu reagieren ist. Foto: geralt/pixabay

Mobilitätszukunft: Das Auto und seine Entwicklung beschäftigt Großteile unserer Gesellschaft. Männer meist mehr und inniger. Zum Umdenken allerdings, nämlich Mobilität als intelligente Vernetzung verschiedener Verkehrsträger zu verstehen, muss man bei PS-Fanatikern schon schwere Geschütze auffahren. Eine verlockende wie verlogene Überschrift zum Beispiel wie oben. Sex und Sinnlichkeit sind schließlich „best seller“ neben Hubraum und Literleistung. Damit vermögen wir womöglich auch jene Klientel in Gedanken über wegweisende Wendigkeit zu verwickeln, die sich sonst nur angesprochen fühlt, wenn’s dabei brummt und protzt.
Da mich privat technische Finessen unter den Motorhauben von Automobilen kaum interessieren, befasse ich mich beruflich auch in dieser Branche besser mit dem ganzheitlichen Marketing im Sinne marktorientierter Unternehmensführung. Der schönen Gestaltung eines Maserati Alfieri verschließe ich mich natürlich nicht. Beim von Sound-Ingenieuren eigens entwickelten Raubkatzen-Auffauchen eines Antriebs im Aston Martin DB11 horche ich ebenfalls aufmerksam auf. Und die spürbare Erhabenheit, die sich einstellt im rollenden Rolls-Royce Phantom einem fliegenden Teppich gleich, vermittelt auch mir ein Gefühl gravitätischer Gemütlichkeit, so dass ich sogar sogleich anfangen möchte mechanisch zu winken wie die Queen.
Für return 03/17 (Cover im Bild), das neue Magazin mit dem Heft-Schwerpunkt zur Automobilbranche erscheint am 6. September pünklich zur Messe IAA, galt es indes gute Geschäftsideen und -modelle aufzuspüren, die womöglich schon Trends für die Mobilität im nächsten Jahrzehnt setzen und damit Veränderungen aufzeigen, die von den Beteiligten der Branche die passende Transformation verlangt. Genug interessanter Stoff also auch abseits rasanter Fahrzeugmodelle mit emotionalen Reizen.

Branchenanalyse plus Mobilitätsausblick

Mein PS-starker Ausbruch von Empfindungen für die prächtige Ausgabe des Heftes rüht vermutlich daher, dass aus der ursprünglich angedachten Branchenanalyse mehr ein Mobilitätsausblick geworden ist. Denn die Autobranche bestimmt trotz ihrer Dominanz in Deutschland nicht mehr allein über die Zukunft unserer Fortbewegung. Ebenso wenig übrigens wie die Elektromobilität als allein beherrschendes Mantra für die Mobilitätsmanager und ihre für uns entwickelten Fortschritte gelten dürfte. Das hat zuletzt Alexander Heintzel als Chefredakteur der automobilen Fachzeitschriften ATZ, MTZ und ATZelektronik mit seiner berechtigten Forderung nach „Fakten statt Progaganda“ hier auf den Punkt gebracht.

Zukunftsszenario: den Daimler als Carsharing-Modell oder als Robotertaxi bequem via Smartphone ordern.

Fakten statt Propaganda liefert return 03/17 so viele wie Autos im 20-Kilometer-Stau stehen. Apropos lautet meine These hierzu wie ja schon häufiger auch an dieser Stelle erwähnt und zu diesem Anlass gerne wiederholt: Der größte volkswirtschaftliche Schaden entsteht in Staus auf der Straße und in Wartezimmern bei Ärzten. Überhaupt ist mir beim Begleiten des Themenschwerpunktes und beim parallel Nutzen von verschiedenen Verkehrsmitteln klar geworden, wie viele Defizite unser dicht besiedeltes Transferland doch schon in der grundlegenden Infrastruktur aufweist. Asphaltzustände wie in KriegsgebietenBahnnetznotstände mit mitunter aus dem maroden Gleis hüpfenden ICEs, langatmige Airport-Abfertigungen wegen Terrorismusgefahr in Kombination mit dreist verspäteten Flügen wegen Billigfliegermassen. Für die lange Mängelliste ließen sich Details aneinanderreihen wie Rote-Welle-Ampelschaltungen oder Parkplatz-Suchverkehr-Runden.

ZF Friedrichshafen arbeitet an mobilen Zukunftsmodellen wie dieser „Oasis“, eine Fahrzeug-Plattform für urbane Fahrzeuge, elektrisch oder auch nicht.

Fahrzeuge ± IT ± Social Media = Mobilität

Das Zusammenwachsen von Fahrzeugherstellern, IT-Dienstleistern und sozialen Netzwerken wird hoffentlich Linderung bringen. Dieses zunehmende Verschmelzen ist nämlich ein Ergebnis unserer Recherchen. Das unsere Autobauer weiter sind als Kritiker denken, sagte uns Michael Hoffmann als Aufsichtsratschef des Zulieferers Augenio im ausführlichen Interview. Und unser großes Firmenporträt über das innovative Unternehmen ZF Friedrichshafen mit vielen Ideen in der Pipeline (im Bild oben) beweist das auch gleich. Fünf Auslandskorrespondenten berichten über mondial Mobiles aus Japan, Großbritannien, Brasilien, Schweden und Südafrika. Mechatronik-Lehrstuhlinhaber Prof. Dieter Schramm von der Uni Duisburg-Essen hat einen interessanten Gastfachbeitrag über die technischen, demografischen und politischen Treiber für Fahrzeughersteller und Zulieferer geschrieben. Und Ulrich Op de Hipt, Kurator der Ausstellung „Geliebt. Gebraucht. Gehasst. Die Deutschen und ihre Autos“ im Haus der Geschichte in Bonn, berichtet Historisches über Lust und Last mit des Deutschen liebsten Kind; hier rechts im Bild ein Ausstellungsexponat mit aus heutiger Sicht aufs Frauenbild einer völlig verfahrenen Porsche-Werbung. Neuen Bedürfnissen beim Nachwuchs, der insbesondere in Städten gar keinen Führerschein mehr anstrebt und nach Alternativen sucht, und diese bein Anbietern von Smartphone-Apps findet, ging Vera Hermes in unserer Gründerszene-Rubrik mit einem umfassenden Beitrag nach, in dem es auch um diesen städtischen „Allygator-Shuttle“ von „Door2Door“ geht:

Von Tür zu Tür bringt „Door2Door“ junge Städter mit dem Ride-Sharing-Service und mit dem „Allygator-Shuttle“ unter anderem in Berlin.

Mobilität zu Land, zu Wasser und in der Luft: Zu den Turbulenzen rund um die Flugzeugbranche mit der schwächelnden Alitalia und der insolventen Airberlin kommen wir frühzeitig heraus mit einer Analyse der Misere unter der Überschrift „Flugzeuge sinken wie Schiffe“ (Bild unten: Cathy Padific). Darüber hinaus gibt es weitere überaus lesenswerte Berichte wie über den Kampf gegen Kartelle und ihre Preisabsprachen, ein großes Interview mit einem Manager von Derbystar, jenem niederrheinischen Hersteller, der ab der Saison 2018/19 wieder das Spielgerät für die Fußballbundesliga stellt sowie ein weites großes Firmenprofil über den milliardenschweren Wärmedämmer Sto, der sich trotz hoher Sicherheitsstandards und keiner Beteiligung an dem Objekt seit dem Fassadenbrand am Hochhaus von London völlig unverschuldet warm anziehen muss.

Die Fluggesellschaft Cathay Pacific zog nach erheblichen Verlusten im Jahre 2016 die Reißleine und entließ insgesamt 600 Mitarbeiter.

Ich selbst war nebenbei bemerkt urlaubsbedingt diesmal relativ schreibfaul: Als etwas größeren Beitrag habe ich einzig ein Interview mit Ministerialdirektoren Marie Luise Graf-Schlicker im Bundesjustizministerium über die frühzeitigen Möglichkeiten von Unternehmern in Krisen geführt habe. Interessante und erfahrene Frau auf diesem Gebiet. Allerdings komme ich in meinem Alter mit derartigen Namen schnell durcheinander und muss höllisch aufpassen. „Moment, Graf-Schlicker?“, dachte ich fragend, „gab es da nicht schon eine ähnliche…“. Aber nein, dann fiel mir ein, es war Dr. Alexandra Schluck-Amend von der namhaften Wirtschaftskanzlei CMS, die in return 01/17 einen Gastbeitrag zum Schwerpunkt Recht und Steuern geschrieben hatte.  Die Sinne vollständig beieinander hatte ich dann aber wieder beim Schreiben für das wärmstens nicht nur Autofans zu empfehlenden Magazin, nämlich beim Verfassen des Editorials für return 03/17:

Bremsdruck

Wer Relevanz und Krise der Autoindustrie verstehen will, schaut in diesen Tagen nach Hannover. Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) muss am 15. Oktober vorzeitig zu Neuwahlen antreten und sieht sich zeitgleich als Landeschef vehementen Vorwürfen wegen Ver echtungen als VW-Aufsichtsrat ausgesetzt. Die Schlagzeilen mag man als Mediengepolter im Wahlkampf abtun, aber kritische Fragen zur Misere pressieren: Warum sind Regierungserklärungen zur Diesel-Gate-Affäre mit der Volkswagen AG abzustimmen? Warum sind er und alle anderen im Aufsichtsrat weder dem Abgas-Betrug noch vermuteten Kartell-Absprachen mit den Schwestern Audi und Porsche plus BMW und Daimler auf die Spur gekommen?

Fehlende Distanz und Kontrolle mit dem Totschlag-Argument zu verteidigen, dass von VW als Arbeitgeber so viele Arbeitsplätze abhängen, verhilft weder Politik noch Wirtschaft zu Glaubwürdigkeit und Vertrauen. „Weite Teile der Automobilindustrie haben unglaubliches Vertrauen verspielt“, kritisierte kürzlich Kanzlerin Merkel das Missmanagement bei Fahrzeugherstellern. Vertrauen führt zu Erfolg. Der Verlust hält also positive Entwicklungen auf. Tempo zu drosseln kann sich angesichts des Umbruchs in der Branche niemand leisten.

In dieser Ausgabe gehen wir vor allem der Frage nach, ob die für Deutschland einst herausragende Branche noch die richtigen Antworten parat hat für eine elektrizierte, vernetzte Mobilität in der Welt von morgen. Dabei blinken Warnsignale: Die Zeit drängt mit ihren technisch, gesellschaftlich und politisch nachhaltigen Trends, endlich den Wandel einzuleiten. Die gute Nachricht: Es ist noch nicht zu spät. Selbst langsame Etablierte dürfen noch auf Chancen hoffen, wenn sie jetzt Zeichen mit tiefgreifenden Transformationsprozessen setzen.

Wie, das zeigen wir wie immer an vorbildlichen Beispielen. Wie nicht, das dokumentieren Innovatoren, die für E-Autos zuerst Subventionen fordern, oder stur an alten Modellen festhalten. Sie reklamieren doch sonst vollmundig und aus eigener Kraft für sich „Das Beste oder nichts“. Mit dem Ruf nach staatlicher Förderung steigt nur der Bremsdruck statt mit Vollgas die notwendigen Veränderungen voranzutreiben, was ohne ABS zusätzlich Schleudergefahr birgt. Mehr Fortschritt fordern und fördern die nachfolgenden Seiten und hoffentlich die Entscheider in unserem nachholbedürftigen Land. Das ist sicher in Ihrem Sinn als moderne Mobile, liebe Leserin und lieber Leser…

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