Saure Gurken, säumige Sünder

Zum entspannten Herumgurken eignet sich die historische Kulturlandschaft im Südosten des Bundeslandes Brandenburg mit seinem ausgedehnten Niederungssumpfgebiet. Das bekannteste und beliebteste Reiseziel der Region hat auch mehr als Gurken auf dem Teller zu bieten. Screenshot: spreewald-info.de

Mit sauren Gurken und säumigen Sündern geht es ja schonmal super los im Jahr 2018. Einige Schlagzeilen der ersten Januarwoche legen direkt die bestimmenden Themen vor, die uns wohl künftig häufiger beschäftigen werden. So etwa die Frage, ob sich die präventive Restrukturierung von Unternehmen schon in diesem Jahr nachhaltig durchsetzt durch einen Vorstoß der zuständigen EU-Kommission. Grundsätzlich geht damit einher, ob sich unsere Gesellschaft generell eingesteht, dass Fehler zu einem gewissen Maße zu Lernprozessen dazugehören und auch gescheiterte Unternehmer dies für sich reklamieren dürfen ohne auf alle Ewigkeit erledigt und in der Öffentlichkeit für immer als Verlierer abgestempelt zu sein. Den Wirtschaftsredaktionen in den Medien unseres Landes sei empfohlen, etwas sensibler mit Themen rund um Insolvenzen und deren Verursacher umzugehen, um damit möglicherweise einer Sanierung und damit dem Erhalt von Arbeitsplätzen nicht den Weg zu verbauen. An einen neuen Ton werden wir uns angesichts von aggressivem AfD-Duktus wohl hoffentlich nicht gewöhnen müssen. Ebenso wie das Ewiggestrige stets neu aufpoppt: seien es die in „Me too“-Kampagnen angeprangeten Grapsch-Vergehen oder die gegenüber Männernbezahlung ungerechten Gehälter von Frauen. Zum Ausgleich sollen uns womöglich Robotergehirne dabei helfen, künftig günstige Protzkarren zu fahren – oder auch nicht. Statt künstlicher verhilft vermutlich menschliche Intelligenz als Schutz vor Strafen offensichtlich vermehrt einkommensstarken Einsichtigen, endlich Staat und Gesellschaft das zu geben, was sie ihnen schulden.

Schimpf in der Saure-Gurken-Zeit

Insolvenzverwalter Jan H. Wilhelm. Foto: hww

1. Januar: „Brüssel greift ins Insolvenzrecht ein“, brüllt Heike Anger im „Handelsblatt“ wenn auch ohne Ausrufezeichen hinter dieser Überschrift gleich zum Jahresauftakt und damit womöglich wegen der in Journalistenkreisen nachrichtenarmen „Saure-Gurken-Zeit“ über einen unerhörten „neuen EU-Vorstoß“, der so neu gar nicht ist. Zusätzlich folgt im Vorspann das übliche Angsteinflößen: Experten schlagen Alarm, Schaden für die Wirtschaft droht usw. usf.
Also lassen wir an dieser Stelle doch mal einen tatsächlich Experten, den anerkannten und langjährigen Insolvenzverwalter und Firmenretter Jan H. Wilhelm von der Kanzlei hww zu Wort kommen: Er antwortet im Interview in „return 04/17“ ab Seite 64 auf die letzte Frage, ob ein Verfahren wie von der EU angestrebt auf seinem Wunschzettel stehe, so: „Doch, sehr. Wenngleich ich über die Formulierung „vorinsolvenzlich“ nur den Kopf schütteln kann. Mit Insolvenz hat das auf Initiative der EU-Kommission gestartete, „präventive“ Verfahren überhaupt nichts zu tun. Es ist wünschenswert, wenn ein Unternehmen in Vereinbarung mit den Gläubigern die Chance hat, seine Passiv-Seite zu klären. Aus meiner Sicht bedeutet dies, eine Alternative zum Insolvenzverfahren, wenn keine leistungswirtschaftlichen Umstrukturierungen erforderlich sind. (…)“
Wenn die „Handelsblatt“-Autorin in ihrem Artikel fragt: „Wäre es also besser, wenn es gar nicht erst zu einer Unternehmensinsolvenz käme?“ lautet meine Antwort klar: Ja.

Scheitern als Schande?

2. Januar: Auch einer anderen Autorin ist zu widersprechen: Ursula Weidenfeld schreibt in ihrer Kolumne für www.t-online.de über eine „gefährliche Bewegung“ ihre Meinung direkt in die Headline: „Gescheiterte Unternehmer sind keine Heilsbringer“. Als hätte das je jemand behauptet. Kühn hingegen ihre Behauptung: „Die Pleitiers sollen im neuen Jahr nicht nur respektiert, sie sollen gefeiert werden.“ Die „hocherwünschte“ (sic!) Kultur des Scheiterns habe es schon in die Ansprachen der Kanzlerin geschafft u. dgl.m.
Ist, wie Weidenfeld befürchtet, das Feiern gescheiterten Firmeninhabern „ein gefährlicher Trend“ oder auch nur im Ansatz ein Wohlwollen richtig erkannt, nur weil Gescheiterte während „Fuck-up Nights“ von ihren Fehlversuchen berichten? Natürlich nicht. Richtig ist hingegen, dass insbesondere für moderne Unternehmen in der digitalen Transformation eher das Ausprobieren und damit Fehler erlaubt sein dürfen, um aus ihnen zu lernen. Das Maß der Fehlentscheidungen sollte nur nicht das der richtigen Maßnahmen übersteigen. Denn grundsätzlich gilt das Zulassen von Fehlern einzig der positiven Fortentwicklung eines Unternehmens. Die vorbildliche Unternehmensführung in Transformationsprozessen hat nämlich auch die Krisenprävention im Sinn. Und dass Unternehmen auch ohne eigene Fehler in Krisen geraten können, etwa durch plötzliche Markteinbrüche, ist bekannt. Fehler-erprobte Firmen schaffen’s dann vielleicht sogar eher aus der Misere, Frau Weidenfeld.

Alice Weidel und Beatrix von Storch (v.l.). Dilettantischer Zeichenversuch: TG

3. Januar: Die stellvertretende AfD-Vorsitzende Beatrix von Storch schafft es mit ihrem barbarischen Silvester-Tweet tatsächlich in die Schlagzeilen. Die ehemalige FDP-Frau, die sich übrigens als Rechtsanwältin auf das Insolvenzrecht spezialisiert hatte, hatte sich gewohnt aggressiv diesmal gegen eine mehrsprachige Mitteilung der Kölner Polizei geäußert und damit gegen „Regeln über Hass-Inhalte“ verstoßen.
AfD-Fraktionsvorsitzende Alice Weidel, die andere verhärmt Dreinschauende in der Parteispitze, sprang ihrem Pendant gleich bei Twitter mit ähnlich abscheulichen Worten bei: „Unsere Behörden unterwerfen sich importierten, marodierenden, grapschenden, prügelnden, Messer stechenden Migrantenmobs.“ Sie beklagt die Zensur, durch die ihrer Kollegin als quasi Opfer auch noch den Saft in die Öffentlichkeit abdreht, zumal von Storch auch ein Ermittlungsverfahren droht. Entgegen vielfacher Vermutungen steht die Hasspredigerin allerdings noch nicht auf Fahndungsplakaten als „von Strolch“.
Ins Bild passt leider auch, dass heute der Rechts-Newsletter „Legal Tribune Online“ über diesen kleinen Halbbleichen der AfD namens Jens Maier berichtet. Der Bundestagsabgeordnete war bis zu seinem Einzug ins deutsche Parlament des Reichstags in Berlin tatsächlich Richter am Landgericht Dresden. Jetzt lief über seinen Twitter-Account ein rassistischer Kommentar über Ex-Tennisstar Boris Beckers Sohn Noah, der sich in einem Interview zu einem Vergleich Berlin-London-Paris hat hinreißen lassen, die Metropole an der Spree sei eine „weiße Stadt“. Dem „kleinen Halbneger“ sei wohl „zu wenig Beachtung“ von Berlinern gegönnt worden, hieß es sinngemäß und bedrohlich auf dem Maier-Kanal. Zum Schütteln.

Eine geschlechtsneutrale Arbeitsbewertung ist möglich, laut Hans-Böckler-Stiftung.

Unverständliche „Entgeltungleichheit“

4. Januar: Nicht neu: Frauen sind häufig schlechter bezahlt als Männer. Neu: Zur „Entgeltungleichheit“ eilt die Hans-Böckler-Stiftung (HBS) damit voraus, dass jeder in der Belegschaft größerer Betriebe ab dem 6. Januar das Recht hat zu erfahren, was Kollegen des jeweils anderen Geschlechts mit vergleichbarer Beschäftigung in ihrem Betrieb verdienen. Der anonymisierte Vergleich soll dazu beitragen, den weiterhin sehr hohen Lohnrückstand von Frauen gegenüber Männern zu reduzieren. Doch Dr. Christina Klenner, HBS-Expertin für Genderforschung am Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut (WSI), rechnet nicht mit „schnellen, durchschlagenden Veränderungen“. Ihr Institut hat mit dem „Comparable Worth Index“ ein Instrument entwickelt, das Vergleiche auf eine systematische Basis stellt und Diskriminierungen enthüllt. Wenn das System so schwierig ist wie die dazu gelieferte Grafik im Bild oben, wird das schwierige Wort der „Entgeltungleicheit“ noch lange Bestand haben. Deutschland gehört beim „Gender Pay Gap“ übrigens zu den Schlusslichtern in der EU.

Unterdessen unterrichtet mich ungefragt „Gala“, dass ein „Celebrity Make-up Artist aus Aserbaidschan“ jetzt auch „ältere Frauen transformiert“ – „dank Schminke“. Glückwunsch, Gala, wie immer hast Du recht! Das ist in der Tat eine „heftige Transformation“ – in den alten Köpfen Deines Redakteursteams. Ach, Ihr nennt das gar nicht Redaktion? Alles klar, weitermachen!

Laut McKinsey schon bald meiner: Maybach Exelero Showcar. Foto: Daimler AG

Wertschöpfung mit Intelligenz

5. Januar: Künstliche Intelligenz (KI) kann in der Autoindustrie bis zum Jahr 2025 durch Kosteneinsparungen und durch Wertschöpfung vor allem in Produktion und in Einkauf als „Renditeturbo (…) bis zu 215 Milliarden US-Dollar“ an zusätzlichen Beitrag auf der Haben-Seite schaffen. Das behauptet die Unternehmensberatung McKinsey in einer heute erschienenen Studie. Mit dem „Einsatz maschinellen Lernens“ könnten Hersteller ihre Rendite (Ebit) maximal um neun Prozentpunkte erhöhen. „Üblicherweise steigern Autohersteller ihre Produktivität jährlich im Schnitt um rund zwei Prozent pro Jahr“, wird Andreas Tschiesner, Leiter der europäischen McKinsey-Automobilberatung, zitiert mit der Prognose: „Allein durch maschinelles Lernen ist in den kommenden Jahren ein jährliches Produktivitätswachstum von zusätzlichen 1,3 Prozent machbar.“ Der harte Wettbewerb werde allerdings dazu führen, dass „ein Teil der Kostenvorteile an den Kunden weitergegeben“ werde. Klingt gut! Dann bestelle ich für später schon jetzt einen Maybach Exelero (im Bild oben: Showcar; Foto: Daimler AG), einen Bugatti Veyron Supersport und einen Ferrari 599XX für den Anfang.

6. Januar: „Das schlechte Gewissen hat in Basel-Stadt eine Zahl“, leitet die „bz“  einen Beitrag über 1.342 Selbstanzeigen ein, die „steuerpflichtige Personen“ eingereicht haben. „Schier unglaubliche 700 Millionen Franken“ (warum eigentlich unglaublich?) hätten sie nun dem Fiskus nachträglich offenbart. Dies spüle rein rechnerisch 4,9 Millionen Franken zusätzlich in die Baseler Staatskasse; im Kanton hätten sich „sogar 1.927 reuige Steuersünder gemeldet“. Im Kanton Genf mussten wegen der Nachmeldungen schon 20 Stellen mehr in der Steuerverwaltung eingerichtet werden. Doch die Schwarzgeld-Dunkelziffer bleibe hoch und liege „nach vorsichtigen Schätzungen (…) von 150 Milliarden Franken aus“. Arme Steuersünder, arme Finanzbeamte.

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