Smarties sichern Senioren

„Für Komfort und Sicherheit“ von älteren Menschen will Siemens jetzt eine „intelligente Armbanduhr“ entwickelt haben. Der Zeitzeiger entstand im Forschungsprojekt „Smart Senior“, das offenbar clevere Lösungen für die Notfallassistenz, für mehr Sicherheit im Haushalt, für „Systeme zur sozialen Vernetzung“ sowie für telemedizinische Services hervorbringen soll. Gute Idee. Vergessen wird meines Erachtens allerdings bei solchen „Lösungen“ für Betagte, dass sie wohl weniger Gesellschaft von Geräten vermissen als vielmehr Gesprächspartner, die Zeit zum Zuhören mitbringen.

Es ist schon seltsam: Immer wenn ich derzeit von der Versorgung im Lebensherbst beziehungsweise -abend lese, ist von Maschinen die Rede. Hier war auch schon an anderer Stelle von roboterhaften Assistenten die Rede. Nur gut, dass sich zumindest ehrenamtliche Initiativen auch für Kontaktpflege mit menschlichem Antlitz kümmern. Von Unternehmen scheinen wir da wenig erwarten zu dürfen. Menschen sind wohl zu teuer, und Maschinen vermutlich besser zu vermarkten. Und von den ambulanten Pflegediensten hört man ja auch nur dauernd, dass deren Mitarbeiter von Termin zu Termin hetzen und trotz Unterbezahlung hoffentlich ihr Bestes geben, wozu ein Schwätzchen inklusive Streicheleinheit eindeutig dazugehören sollte. Wer es sich leisten kann und will, lässt angeblich eine Pflegekraft aus Osteuropa importieren, wird mir meist zugetragen: Mir will nicht einleuchten, warum diese der Arbeit wegen Vertriebenen enthusiastisch an eine Rundumbetreuung von Senioren herangehen sollten – oder wahlweise ans Spargelstechen. Und wenn die Sprache auf die Familie kommt, sagen Eltern in der Regel, sie wollten ihre Kinder nicht zur Last fallen.

Kurzum: Zwischen Bedürfnis und Angebot klafft eine Kluft. Daher scheint mir die Siemensche smarte Uhr auch nur bedingt 1.) clever, gewitzt oder 2. von modischer und auffallend erlesener Eleganz; fein. Am Markt durchsetzen wird sie sich auch nur, wenn die Bedienung so babyleicht ist, dass auch gehandicapte Alte damit spielend umgehen können. Die Siemens-Forscher selbst warten allerdings vor allem damit auf, was das Ding alles kann: „Die Uhr kommuniziert per WLAN mit dem Heimnetz des Patienten und ist mit zwei unauffälligen seitlichen Notrufknöpfen ausgestattet. Mit OLED-Farbdisplay, vier Tastern für Navigation und Bedienung, Vibrationsalarm und Lautsprecher kann der Anwender zum Beispiel das Licht in der Wohnung fernsteuern oder er bekommt bei Verlassen der Wohnung Hinweise auf offene Fenster oder einen angestellten Herd.“ Klingt immerhin nützlich.

Ein Beschleunigungssensor, wie in Smartphones, diene ähnlich wie ein Schrittzähler zur Erfassung von Aktivitäten der Nutzer. Das allerdings klingt widerum wieder eher wie eine elektronische Fußfessel zur Überwachung („Wo ist der Alte?!“). Gleichwohl hätten sich die ersten Nutzer positiv über die gute Lesbarkeit der Uhr geäußert. Ja, sie wünschten sich sogar weitere Funktionen. Etwa die Einbindung des Terminkalenders für Arzttermine oder zur Erinnerung, Medikamente einzunehmen, sowie die Steuerung des im Test eingesetzten Videokonferenzsystems (!!!). Wird hier der Weg bereitet, statt persönlichem Kontakt ersatzweise virtuelle Begegnungen einzuleiten? Der Funktionsumfang könne mit frei programmierbaren Apps erweitert werden, schwärmt Siemens weiter. Für die intelligente Uhr seien zudem weitere Anwendungen denkbar. Sie könnte zum Beispiel als körpernahes assistives System Arbeitsabläufe von Pflegediensten oder Wartungskräften dokumentieren und mit Informationen unterstützen. Also doch Überwachung?

Das Projekt „Smart Senior“ habe übrigens das Ziel, künftig allen Senioren zu helfen, in Wohnungen mit fast unsichtbaren Sensor-, Steuerungs- und Kommunikationssystemen länger selbstständig zu Hause leben zu können. Dazu habe seit Jahresbeginn „ein Feldtest“ begonnen. In Potsdam werden dazu 35 Wohnungen von älteren Menschen mehrere Monate lang mit diesen Systemen ausgestattet wurden.  Zur Ausrüstung gehören eine schnelle Internetverbindung, eine durch die Begriffslänge und Verständlichkeit große Angst einflößende „Ambient Assisted Living (AAL) Home Gateway“ als Datendrehkreuz sowie Raumsensoren. In den Musterwohnungen steht vor der Sitzecke im Wohnzimmer ein Flachbildschirm, der das „Smart Senior“-Interface zeige. Dazu kommt die „Set-Top-Box“ für die Audio-Video-Kommunikation über den Fernseher, mit Kamera und Freisprecheinrichtung. Am Fensterrahmen messen Sensoren, ob die Fenster geöffnet sind. Die handtellergroßen Raumsensoren unter der Decke wiederum sammeln Informationen über Temperatur, Licht und eventuellen Gasaustritt. Die meisten Sensoren werden autark betrieben und übertragen ihre Daten ans Gateway. Das stelle ich mir aufregend vor, wenn ein Installateur künftig älteren Kunden erklärt: „So, Frau Müller, dann kopple ich jetzt den Ambient-Assisted-Living-Anschluss mit der Home-Gateway, so dass Sie im Interface nach dem individuellen Einrichten Ihrer Set-Top-Box auch gleich erkennen können, ob Sie noch Leben.“

Als Benutzergruppen gelten jedenfalls Senioren als Hauptnutzer sowie deren Familien, Ärzte, Sanitäter und Physiotherapeuten als Mit- und Nebennutzer. Diese potenziellen Nutzer sollen über ein Serviceportal vernetzt werden und auf stationären oder mobilen Geräten zu erreichen sein – sowohl im Notfall als auch zur regelmäßigen Visite oder einem interaktiven Training, etwa während der Rehabilitation nach einem Sturz oder einem Schlaganfall. Siemens hat für die Uhr „in dem vom Bundesforschungsministerium geförderten Projekt“ (wie es immer so schön heißt, wenn der Staat die F&E mitbezahlt) mit Partnern aus Industrie und Forschung wie dem großartig benamsten „Fraunhofer-Institut für Zuverlässigkeit und Mikrointegration“ (IZM) zusammengearbeitet.

Im Forschungsprojekt „Smart Senior“ arbeiten übrigens neben Siemens insgesamt 28 Partnerfirmen und -organisationen aus Forschung und Industrie unter der Leitung der Deutschen Telekom Laboratories (T-Labs) zusammen. Projektstart war 2009: In neun Teilprojekten werden seitdem Innovationen entwickelt. Die technische Herausforderung liege vor allem in der Standardisierung und Integration verschiedener Systeme, vom Fernseher über Smartphone und Hausgeräte bis zum Auto. Auch die Senkung der Kosten für Krankenhausaufenthalte und damit die Entlastung der Krankenkassen sei ein Projektziel (aha, endlich kommt die Wahrheit auf den Tisch bzw. ans Krankenbett!). Seit Frühjahr 2012 soll jetzt ein dreimonatiger Feldtest zeigen, ob die Technik zusammenpasst und wie die Nutzer sie annehmen.

Vor der intelligenten Uhr konnten die Probanden schon dies ausprobieren: mit dem „EKG-Shirt“ selbst ihre Vitaldaten messen und direkt an Ihren Arzt schicken oder mit der vernetzten Körperwaage ihre Daten erfassen und an das Telemedizincentrum der Charité Berlin-Mitte (TMCC) übertragen, wo die Werte durch ein automatisches Diagnosesystem überprüft und dann an den behandelten Arzt weitergeleitet werden. Außerdem gibt es einen „mobilen Arzt“: Ausgerüstet mit einem „elektronischen Kitteltaschenbuch“ wie Smartphone oder Tablet-PC, kann er in der Klinik unterwegs sein und bei Bedarf an einen stationären Arbeitsplatz wechseln.

BMW entwickelt im Rahmen des „Smart Senior“-Projekts einen Nothalteassistenten, der reagiert, wenn ein Autofahrer das Bewusstsein verliert, etwa durch einen Herzinfarkt. Der Nothalteassistent übernimmt dann automatisch die Kontrolle, schaltet die Warnblinkanlage ein und lenkt das Auto auf der Autobahn sicher auf den Standstreifen. Sensortechniken wie Radar, Laserscanner und Kameras erfassen dabei die Positionen anderer Verkehrsteilnehmer. Gleichzeitig wird ein Notruf mit den medizinischen Daten und dem präzisen Standort des Autos an die Rettungszentrale abgesetzt. Meine Frage: Funktioniert das auch bei Geisterfahrern?

Mobilität scheint heute überhaupt das A und O zu sein. Dabei kann man so schön Reisen im Kopf. Etwa im Garten auf der Bank unterm Pflaumenbaum seinen Enkeln eine fantasievolle Geschichte vorlesen. Damit lässt sich allerdings nicht so viel Geschäft machen. Und wenn es eben kein Alfa Romeo, Ferrari, Maserati oder nicht mal ein Fiat mehr sein darf, dann bauen uns die designverliebten Italiener eben einen rattenscharfen Sally S1 („The Passion for moving“ – nur, warum erinnert die unterlegte Musik wie eine Abschiedsmelodie? Bremsen manipuliert?):

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Kommentare zu Smarties sichern Senioren

  1. Ihre Kritiken sind zum Teil sehr berechtigt. Es geht auch einfacher und mit echten Angehörigen oder Nachbarn als „Begleiter“ im Smart Home von Senioren!

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