Sprache abseits der barriere- und bürokratiefreien Zone

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Sprachlos im Labor statt schlaflos in Seattle: Isabel Rink, Anna-Katharina Berg, Justizministerin Antje Niewisch-Lennartz in der Textklinik, wo Studierende versuchen, etwa Erbrecht-Informationen in (leichte) Sprache zu übersetzen, was schon ziemlich lustig klingt. Foto: Isa Lange/Uni Hildesheim

Sprache als Schrecken erregende Verlautbarung: Keine Angst, falls Sie nur böhmische Dörfer sehen und nichts verstehen. Die Kommunikation unserer Behörden liefert regelmäßig erheiternde Beispiele, wenn Unverständlichkeit zur Witzproduktion herhalten muss. Dann eröffnen Wort- und Satzungetüme eine Spielwiese für Sprachlosigkeit, die Kopfschütteln und Kichern begleitet. Besonders gefordert sah sich jetzt endlich unser Bundesjustizministerium, den eigenen Textausstoß kritisch unter die Lupe nehmen zu lassen. Damit beauftragt war die Medienlinguistik-Professorin Christiane Maaß von der Universität Hildesheim, die angesichts von Formulierungen wie „Anregung zur Einrichtung einer Betreuung“ zu der phänomenalen Erkenntnis kommt: „Verwaltungstexte sind schon so in Ordnung (Anm. d. A.:…, weil) Teil des juristischen Diskurses. Aber sie dürfen nicht allein stehen. Sie bedürfen einer Verständlichmachung (sic!) für Nicht-Experten.“ Also Originaltext plus Übersetzung, einmal in Bürokratisch und einmal in Deutsch? Diesen Rat verstehe, wer will. Aber Frau Maaß lebt davon. Gutes Geschäftsmodell, von dem ich selbst profitiere: Denn ob Firma, Ferwaltung oder Finne – wer will schon nicht verstanden werden? Finanzminister Schäuble ganz bestimmt nicht. Und der genannte Skandinavier hat zwar durch sein possierliches Wesen unsere volle Aufmerksamkeit, doch auch unbestritten seine Schwierigkeiten sich uns in seiner Landessprache mitzuteilen, wenn einfaches „sich verständlich machen“ dort schon „saada itsensä ymmärretyksi“ heißen muss.

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Ein schöner Mund tut Wahrheit kund? Was, wenn aus ihm eine Bankkauffrau spricht? (Foto: Uwe Wagschal/pixelio)

Die schwierigste Sprache der Welt“ möchte ausgerechnet der Südwestrundfunk, seines Zeichens „Anstalt des öffentlichen Rechts“ im Hochdeutsch verneinenden Stuttgart, unter der Rubrik „1000 antworten“ online offenbaren. Zu den dort schreibenden Experten zählen zwar seltsam benamste „Experten“ wie Dorit Urd Feddersen-Petersen oder Barbara Schock-Werner. Allerdings lernen wir hier immerhin von Gabor Paal, dass Burashaski aus dem Norden Pakistans die Tabelle der „Tongue Twister Languages“ anführt, wie Englisch Sprechende womöglich sagen würden. In der Liste der Zungenbrecher des schwedischen Linguisten Mikael Parkvall, der Mundarten nach 53 Kriterien untersucht hat, folgen auf den vorderen Plätzen noch Copainalá Zoque, eine indigene Sprache in Mexiko, und Khoekhoe aus der Grenzregion zwischen Namibia und Botswana. Für deutsche Muttersprachler gelten danach Finnisch, Ungarisch und Georgisch als besonders schwierig. Ganz sicher erst nach Bankkaufleuterisch.

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Schreiend verirrt im Sprachdschungel der Finanzwirtschaft: Wer will das schon? (Foto: Günther Gumhold/pixelio)

 Verstehen Sie Bank?“, fragten jüngst der Seibel Karsten und der Stocker Frank in ihrer Überschrift zum Beitrag über eine Kommunikationsanalyse des Kauderwelschs von Kreditinstituten für „Die Welt“. Die Untersuchung von Frank Brettschneider, Professor für Kommunikationswissenschaft an der Universität Hohenheim, unterstreicht – Vorsicht, Ironie! – die faszinierende Formulierungskunst der Finanzwirtschaft. Wer so rede und schreibe schaffe es nicht, das Vertrauen der Kunden zurückzugewinnen, urteilen die Autoren. Zu „zweifelhaftem Ruhm“ kam dabei die WGZ Bank mit der Beschreibung für ein sogenanntes Express-Zertifikat, dass beispielsweise in einem Drittel der Sätze mit mehr als 20 Wörtern operiert (dieser hat übrigens 29). Andere Anbieter kommunizierten nicht besser, sondern so: „Protect bedeutet, dass die Rückzahlung vorbehaltlich des Emittentenrisikos auch dann zum Nennbetrag erfolgt, wenn der Schlusskurs des Basiswerts am finalen Bewertungstag zwar unterhalb des Basispreises aber auf oder über der Barriere notiert.“ Ich verstehe statt Bank nur Bahnhof. Barrierefreie Sprache ist für Banker bestimmt auch „nicht darstellbar“.

Schäuble redet Tacheles – ob wegen Hoeneß?

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Rechts- und Wirtschaftswissenschaftler sind vermutlich nur mit gutem Zureden zum Lächeln auf Fotos zu bewegen. Quelle: Bundesministerium der Finanzen, Foto: Ilja C. Hendel

Niemand hinterzieht Steuern, weil das System zu kompliziert ist“, lautete die zentrale Botschaft des Bundesfinanzministers in seiner Podcast-Reihe „Schäuble zur Sache“. Bürgerfragen zur Ehrlichkeit möchte Dr. Schäuble darin beantworten. Wobei: „Die Kompliziertheit des deutschen Steuerrechts kommt dabei ebenso zur Sprache wie die weitere Zusammenarbeit mit der Schweiz in Steuerangelegenheiten.“ Andererseits sei der Verweis auf die Kompliziertheit eine faule Ausrede“, moppert der Minister. Ach, Wolle, hat Uli je so argumentiert? Auf der anderen Seite stehe die Vereinfachung des Steuerrechts „immer noch auf der Agenda“, folgt das übliche Politiker-Blabla, das mit Worthülsen hohle Versprechen in den Raum stellt wie hier „gerechtes Steuersystem“ oder „nach Leistungsfähigkeit“ oder „Flatrate-Besteuerung“ oder  „Unterschiede glattbügele“ oder „Gerechtigkeitsempfinden“ oder „Bevölkerung verletze“. So ein Sprachschrott mag verständlicher sein, aber kein Deut glaubwürdiger.

Womit wir wieder bei Wahlprogrammen, Behördentexten, Märchen (sic!) sowie Physik- und Geschichtsbüchern wären. An der eingangs erwähnten Forschungsstelle Leichte Sprache der Universität Hildesheim erlernen angehende Medienübersetzerinnen, wie Texte in verständliche Worte gefasst werden können. Die Forscherteams kooperieren mit dem Landesbildungszentrum für Hörgeschädigte, die grundsätzlich gegen grausame Sprachverletzungen besser geschützt sind.  Studierende aus dem Masterstudiengang „Medientext und Medienübersetzung“ sind in Praxisprojekte eingebunden. Im Studium wählen Medienübersetzer mitunter den Schwerpunkt „Barrierefreie Kommunikation“ und übersetzen dann beispielsweise Beschreibungen von Berufen“.

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Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie bitte Ihren Notar, Ihren Richter oder Ihren Rechtsanwalt.(Foto: Isa Lange/Uni Hildesheim)

Mit dem Niedersächsischen Justizministerium und dem Amtsgericht Hildesheim haben sie mühsam Informationsbroschüren zu Erbrecht und Vorsorgevollmacht, Teile im Internetauftritt des Ministeriums, eine Zeugenvorladung und vom Gericht verwendete Formulare übersetzt. Dabei erklären die Studierenden auch ganz supersüß, was ein Richter schafft. „So muss ein Richter sein: Ein Richter muss sehr genau sein. Und ein Richter muss seine Entscheidungen gut überlegen. Und ein Richter muss mitfühlen können. Die Bürger müssen wissen: Der Richter ist so. (Hääää?!; Anm. d. A.) Nur so können die Bürger dem Richter vertrauen.“ Wie jetzt, in Wahrheit geht Gericht doch so (Ruhig auch mal mit Augen zu, um die Musik zu genießen):

Oder in Bayern auch so (mit „dem gestrengen Herrn Amtsrichter“):

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