Toshiba oder der Mythos vom ehrbaren Kaufmann

Sicher, statt Toshiba könnte hier genauso gut VW stehen. Der jüngst bekannt gewordene Betrugsskandal des japanischen Traditionskonzerns von 1875 lässt allerdings aufhorchen. Auch dieser nämlich passt prima in unsere Zeit als abschreckendes Beispiel. In großzügig finanzierten Filmen übers Unternehmen – siehe oben, siehe unten – schaukeln sich Sprecher und Musik geradezu hoch in orgasmischen Lobpreisungen der Leistungen des Giganten. Darin unterscheidet sich das Unternehmen nicht von anderen Wirtschaftsriesen. Der rote Schriftzug steht jetzt aber nicht mehr ausschließlich für die Abkürzung „kyō Shibaura Denki Kabushiki Kaisha“ und damit für eine bekannte Marke von Elektrogeräten, Informationstechnologie und Industriemaschinen der Mitsui-Gruppe mit Hauptsitz in Palermo, pardon: Kawasaki. Oh, nein – nicht allein! Der unter dem Claim „leading innovation“ operierende Multi mag nicht nur Neuheiten hervorzubringen, das Management gefiel sich auch darin, ein ausgeklügeltes Erfinden von Gewinnzahlen für Bilanzen auszubrüten. Gewinnzahlen kennen wir sonst nur vom Lotto-Toto-Rennquintett. Für die Verfehlungen muss die Organisation nun laut Börsenaufsicht in Tokio insgesamt 53 Millionen Euro als Rekord-Geldstrafe zahlen, so dass selbst das Anmelden der Insolvenz nicht mehr als ausgeschlossen gilt.

Wirtschaft, postfaktisch

To-shi-b-a: Steht der Begriff jetzt für „TO pull SHIt is, if You Betray All“? Also radebrechend für: Scheiße abzuziehen ist… wenn man alle betrügt. Foto: Toshiba

Ich sehe schon die Schlagzeile: Toshiba stirbt Tod durch Pleite. Danach gieren genug Geier. Mies, dass geringe Gruppen schlimmer Finger oft alle in Misskredit bringen. Aber um „absolute Ausnahmen, wie Wirtschaftsehrenretter gerne ins Feld führen, handelt es sich halt eben nicht. Mindestens 27 Manager sollen davon gewusst haben, dass in den vergangenen sechs Jahren mindestens 1,15 Milliarden Euro (als Zahl: 1 150 000 000) zu hohe Einnahmen als Falschbuchung in die Bücher aufgenommen wurden. „Dieser Historie und ihren kompromisslosen Maßstäben fühlen wir uns bis heute verpflichtet, heißt es dazu auf der Website zum Firmenprofil in ganz anderem Zusammenhang. Das tatsächliche Muster des Betrugs funktionierte, wie die „SZ berichtet, folgendermaßen: „Der ehemalige Konzernchef Hisao Tanaka rief sehr früh am Morgen die Leiter verschiedener Abteilung an und setzte sie unter Druck, ihre Resultate zu verbessern.“ Toshiba stehe mit solchen Tricks nicht alleine da, verweist Tokio-Korrespondent Christoph Neidhart auf weitere Fälle in Japans ökonomischen Großgewichten: das Bauunternehmen Asahi Kasei, der Automobilzulieferer Takata, der Reifenhersteller Toyo Tire & Rubber, der Energieversorger Tepco, der Kameraproduzent Olympus, der Rüstungs- und Schiffskonzern IHI sie alle sollen massiv manipuliert und Wahrheiten verdreht haben. Willkommen im postfaktischen Zeitalter der Wirtschaft. Immerhin: Ein noch unbekannter Whistleblower soll dafür gesorgt haben, dass der Betrug bei Toshiba auflog; übrigens ohne dass sich bisher irgendwer in Samurai-Manier freiwillig aus Büßer-Scham dem alten und heute offiziell verbotenen Suizid-Ritual des Bauchaufschlitzens bemüßigte (jap. Seppuku).

Taugt das Dingenskirchen von Toshiba so viel wie Dieselmotoren von VW? Foto: Toshiba

Rechtzeitig zum Aufkommen von Abzocke zwischen Beschiss und Schwindel, ob Korruption oder Schummelei am Ende vor allem immer zum Schaden von Kunden, hat in diesen Tagen unsere zuständige Regierungskommission sich hierauf verständigt: Das „Leitbild des ehrbaren Kaufmanns soll künftig im deutschen Kodex für gute Unternehmensführung enthalten sein. Zur Ergänzung des Corporate Governance Kodex‘ heißt es in der Präambel, die Prinzipien der sozialen Marktwirtschaft verlangten „nicht nur Legalität, sondern auch ethisch fundiertes, eigenverantwortliches Verhalten. Zusätzlich fordert das Regelwerk den Schutz interner Hinweisgeber, die auf Missstände aufmerksam machen, sowie mehr Transparenz bei der Auswahl von Aufsichtsratsmitgliedern. „Ehrbar und Kaufmann geht das überhaupt zusammen?, werden Leser fragen. Und wie definiert dieses Leitbild genau das Gutunternehmertum? In einem Fundstück bei der Uni Frankfurt heißt es über den ehrenvollen Ideal-Leader: „Er lässt sich von seinen Werten leiten, übernimmt Verantwortung und ist Vorbild für Mitarbeiter, Geschäftspartner und Kunden. Er verteidigt die Gesellschaftsordnung, hält Umweltstandards ein, achtet auf die Einhaltung von Gesetzen und tritt der Korruption entgegen.“ Gut gebrüllt, Löwen.

Toshiba wieder über den Weg trauen?

„Leading Innovation“: Wie Toshiba „nicht jedem Trend“ folgt, sondern „den technologischen Fortschritt“ vorantreibt, und beim Design „nicht nur auf die Optik“, sondern auch auf „hervorragendste (sic!) Materialqualität“ setzt – das ist eigentlich wurscht, wenn unwahr irreführt. Foto: Toshiba

Geprägt von solch‘ einem ehernem Verhalten, nachhaltig umgesetzt im unternehmerischen Alltag, dürften Führungskräfte von Firmen dann womöglich auch eher darauf hoffen, in der Bevölkerung – etwa der deutschen – mehr Verständnis selbst beim Scheitern erwarten. Denn noch ist die Einstellung zu allgemeinen Fehlschlägen positiver als gegenüber unterneherischen Misserfolgen. Eine deutliche Mehrheit indes ist zumindest schon mal „für eine zweite Chance, wie Forscher der Uni Hohenheim in ihrer repräsentativen Studie über „Gute Fehler, schlechte Fehler ermittelten. Umgekehrt spukt der Volksmund schnell mit Sprichwörtern auf Reudige, etwa mit dem Urteil „Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht. Und dieses Negativ-Image abzustreifen, um keine Negativ-Effekte im Geschäft zu provozieren, dürfte einer übergroßen Gestalt quasi ohne menschliches Antlitz schwer fallen. Einem Monster, das wie Toshiba selbst einräumt, „heute ein globales Netzwerk aus mehr als 590 Unternehmen mit 206.000 Mitarbeitern und einem jährlichen Umsatz von über 61 Milliarden US-Dollar“ zu umfassen, traut unsereins vermutlich nach den beschriebenen Vorfällen noch weniger über den Weg.

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