Trends in Transparenz

Intransparente Schreibweise: Wer soll das verstehen? Zumal als Kürzel EOESC? Foto: TG

Trends und Transparenz scheinen zu Jahresbeginn begehrte Gegenstände von Berichterstattung. Klaro, spielen Digitalisierung und Technik dabei auch eine starke Rolle. Ebenso bestimmt die vielbeschworene Transformation mengenmäßig ordentlich die Schlagzeilen. Doch nicht immer verbirgt sich dahinter unternehmerischen Treiben, sondern mitunter auch eine Talk-Tüte aus dem TV, die Tonnen abtrainiert. Darüber hinaus geht es in diesem Tagebucheintrag um Steuerschulden, Seeparadiesisches und ein schnuckeliges Seefinchen.

Selbstständigkeit und Selbstvertrauen

7. Januar: Den Beitrag „Kapitalismus selbst gemacht“ von „brand eins“-Mitgründer Wolf Lotter in der „taz“ überflogen. Sein Aufruf an alle Bürger, künftig als „Wirtschaftsbürger“ und „Zivilkapitalisten“ ein ökonomisches Leben in Selbstbestimmung zu führen, klingt ja schön und gut. Zur Selbstständigkeit gehört aber nunmal auch die Befähigung, eine Geschäftsidee zu entwickeln, sie in einen funktionierenden Businessplan zu gießen sowie unternehmerische Strategien und deren Umsetzung zur Weiterentwicklung des Geschäftsmodells hervorzubringen. Dafür fehlt in unserem Land leider noch eine Atmosphäre, die für solches Unternehmertum den Boden bereitet, und in Bildungseinrichtungen der entsprechende Aufbau von Kompetenz. Solange Selbstständige in unserer Gesellschaft eher argwöhnisch betrachtet und beim ersten Scheitern gleich stigmatisiert werden, bleibt Lotters Empfehlung ein frommer Wunsch.

Die Top Ten der Technologietrends für Künstliche Intelligenz. Quelle: PwC

8. Januar: „Ich bin überzeugt, dass Transparenz und Ethik zu entscheidenden Differenzierungsmerkmalen werden. Unternehmen sollten diese beiden Aspekte zur Basis für vertrauenswürdige und akzeptierte KI-Lösungen machen“, rät Christian Kirschniak als  Head of Data & Analytics Advisory der Wirtschaftsprüfung und Unternehmensberatung PwC Europe. Auf diese interessante Aussage stoße ich erst heute, aber nicht zu spät. Bahnbrechende neue Technologien im Bereich der Künstlichen Intelligenz (KI) bergen nach seiner Auffassung große Chancen für Unternehmen, wenn es  Führungskräften gelingt, Vertrauen und Akzeptanz bei Kunden und bei Mitarbeitern zu schaffen. Dazu empfiehlt er, die Datenhoheit der Kunden zu respektieren und Mitarbeiter von monotonen Tätigkeiten mithilfe von KI zu befreien und ihnen die Angst zu nehmen, sie selbst würden durch Roboter ersetzt. Die Unternehmensführung sollte deshalb den Beschäftigten auch Möglichkeiten eröffnen, eigene Talente und Fähigkeiten auszubauen, die Menschen auch auf lange Sicht von Robotern unterscheiden. Aus meiner Sicht wird sich auch daran gelungene Transformation messen lassen müssen.

Seeparadies und Seefinchen

9. Januar: Zweieinhalb Jahre nach Beantragung des Insolvenzverfahrens ist das Resort Schwielowsee offensichtlich an eine israelische Investorengruppe verkauft. Das berichten die „Potsdamer Neuesten Nachrichten“ (PNN) über den Deal inklusive Stillschweigen über den Kaufpreis. Ausführlich beschrieben war der Fall schon unter der Überschrift „Schloss am Paradies zu verkaufen“ im Schwerpunkt zum innovativen und kriselnden Gastgewerbe in „return 02/16“. Eine Ausgabe, die ich auf wegen der anderen erhellenden Inhalte über vorbildliche Konzepte allen Gastronomen und Hoteliers wärmstens ans Herz lege. Also nicht nur wegen der schönen An- und Aussichten wie oben im Bild auf die verkaufte Ferienanlage im Herzen Brandenburgs.

Gestaltetes Verpackungsdesign von Seefinchen. Grafik: machmeinewerbung.de

10. Januar: Apropos Hotelgewerbe. Gemeinsam mit zwei Master-Studierenden hat es ein Professor der „Jade Hochschule Wilhelmshaven, Oldenburg, Elsfelth“ (die gibt es wirklich: siehe hier) innerhalb eines Jahres geschafft, das Produkt „Seefinchen“ an den Markt zu bringen. „In der Produktreihe ‚Seefinchen – Die Schatzsammlerin vom Küstenstrand‘ bieten wir kleine Präsente für die Hotelindustrie. Unternehmen in der Region bestellen bei uns individualisierte Gastgeschenke und aktuell sind wir dabei, uns auch im Backzubehörmarkt zu positionieren“, erkärt Dr. Jürgen Petzold. Er ist auch Vorstandsmitglied im Institut für Unternehmensgründung und Innovation (UGI) und hofft, „dass ihnen mit meiner Unterstützung der Weg in die Selbstständigkeit erleichtert wird“ und sie sein Angebot zur „Teilhaberschaft an Seefinchen“ annehmen. Erstaunlich, was so alles geht.

11. Januar: Das mir bisher unbekannte Medium „Ping“, powered by Software AG, deren 100-prozentige Tochtergesellschaft SAG Deutschland GmbH im Impressum genannt und „für die gesamten Vertriebs- und Marketingaktivitäten zuständig“ ist, will laut Untertitel elektronisch und inhaltich „Impulse für das digitale Unternehmen“ senden. Dazu lese ich heute Teil 4 der Serie „10 Thesen zur digitalen Transformation“ und bin gleich angefixt bis ich bei These 1 lande: „Software ist allgegenwärtig“ (und damit die Software AG?). Schon will ich abschalten, versuche aber noch These 2: „Neue Geschäftsmodelle müssen softwarebasiert sein“ (mit Lösungen der Software AG?). Ok, kann lassen wir das.

Steuerzahlerspende und Leasinglobby

12. Januar: Auf einen erheblichen Teil der 150 Millionen Euro, die als Kredit der KfW-Bankengruppe an Air Berlin ausgezahlt und durch den Bund verbürgt waren, wird der Staat verzichten müssen. Nur 61 Millionen Euro seien bislang zurückgezahlt, beruft sich „Spiegel online“ auf die Antwort, die die Linksfraktion  auf eine parlamentarische Anfrage erhalten hatte. Das Bundeswirtschaftsministerium geht zwar von weiteren Rückzahlungen aus, kündigt aber schon jetzt seinen Willen an „den Schaden für den Steuerzahler zu begrenzen“. Andererseits ist ja ein Teil der Airline an die Lufthansa verkauft worden, und die befindet sich mehrheitlich in staatlicher Hand. Die meisten Gläubiger gehen leer aus, wiederholt „Spiegel online“ am 25. Januar noch einmal, dass das verwertbare Vermögen nicht ausreicht  und dem Staat nun sogar „Ausfälle von rund 200 Millionen Euro drohen“. Guten Abflug!

19. Januar: Mich erreicht eine E-Mail mit dem Betreff „Presse-Dienstleister für individualisierte Leasing-Themen“, in dem „Liebe Redaktions-Kollegen“ darauf hingewiesen werden, dass „der Leasingverband uns Ihre Kontaktdaten gemailt“ hat, „da Sie offenbar immer wieder (vermutlich Anzeigen-getriebene) Specials zu Leasing, Factoring oder Finetrading publizieren“. Und offensichtlich weiß der Absender auch ohne Hilfe des Leasingverbandes“ als „erfahrener Wirtschaftsredakteur mehrerer Tageszeitungen (…), dass Sie in solchen Fällen redaktionellen Content brauchen“. Das nachfolgende Angebot lautet so: „Sicher finden wir dann auch Wege der Finanzierung unseres Aufwands. Denn guter Journalismus ist in erster Linie eine Frage des Vertrauens und der Kompetenz.“ Und genau deshalb gehe ich darauf nicht ein.

Ungeheuerliches und Überraschendes

20. Januar: „9 Promi-Transformationen, die dich umhauen werden“, verspricht Autrorin Lara Graff gleich in der Überschrift ihres Dings im Dingsbums namens „promipool“, einem Portal der Nichtigkeiten. Herr im Himmel, bewahre mich davor je mein erlerntes Handwerk für so nutzloses Zeugs zu verschwenden. Zuvor hatte an dieser Stelle schon Lisa Winder „die unglaubliche Transformation“ des Daniel Hartwich kundgetan, weil der früher füllige Dschungelcamp-Moderator mehr als 50.000 Gramm abgenommen hat. Nein, nicht allein am Hirn!

22. Januar: Gleich eine Gewinnwarnung zum Jahresbeginn – die Deutsche Bank bleibe ein Schiff in unruhiger See, kommentiert Franz-Georg Wenner in „Börse online“ und fragt bang: „Kommt der Turnaround?“ und vergisst ein „Wann“ davor zu setzen. CEO John Cryan stehe unter Erfolgsdruck in 2018 endlich die Wende einzuleiten. „Nüchtern betrachtet“ seien „vorerst keine großen positiven aber wohl auch nicht negativen Überraschungen zu erwarten“, womit der Kurs des Dampfers weiter in einer „Seitwärtsspanne gefangen bleiben“ (sic!). Depremierte Anleger dürften das Dilemma nur noch betrunken ertragen können. Unterdessen überlegt die Bank, „Was Anleger 2018 positiv stimmen kann“ (siehe Screenshot der DB-Website unten). Da schwankt der Bulle auch schon, und der Bär staunt nicht schlecht.

 

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