Volkswagen rot-weiß

Kult, Legende, Ikone: Wie schnell so ein herausragender Titel für ein Markenprodukt entsteht, zeigt sich mitunter im Kochtopf. Beispielsweise Volkswagens hauseigene Currywurst, die Unternehmensgeschichte schrieb und mittlerweile mit um die Erde reist. „Die Wolfburger Welt AG“ schaffe, was der Daimler AG nicht gelinge, urteilte jüngs das „Handelsblatt“: nämlich die Eroberung des globalen Automarktes als Nummer eins. Allerdings laufe die Internationalisierung „ganz nach deutschem Konzept“ beziehungsweise Rezept, denn bei großen Auftritten ist stets die kultige Currywurst aus der VW-Kantine dabei.

Auf Automessen wie in Detroit oder Schanghai serviere der Konzern mit Vorstandschef Martin Winterkorn (hier im Bild beim Mundabputzen; Foto: VW) seinen Gästen meist Currywurst. Zwar wird die Erfindung der legendären deutschen Zwischenmahlzeit häufig Herta Heuwer zugeschrieben, die 1949 erstmals an ihrem Imbissstand in Berlin-Charlottenburg ihre gebratene Brühwurst mit einer Sauce aus Tomatenmark, Currypulver und Worcestershiresauce nebst weiteren Zutaten verkaufte. Entsprechend steht das deutsche Currywurstmuseum auch in Berlin und nicht in Wolfsburg. Doch neben den Varianten aus der Bundeshauptstadt und aus dem Ruhrgebiet gibt es eben auch schon seit 1973 die Currywurst aus den Volkswagen-Kantinen in Wolfsburg, die auch außerhalb der Werksgelände bekannt ist. Millionen VW-Currywürste werden pro Jahr verkauft – allein im vergangenen Jahr stellte die VW-Fleischerei insbesamt 6,5 Millionen Currywürste her und damit erneut die meistproduzierte Konzernware. Ihr Alleinstellungs- bzw. Markenmerkmal: mit 20 Prozent einen deutlich geringeren Fettanteil als andere Currywürste (oft das Doppelte), keine Phosphate, kein Milcheinweiß, keine Glutamate.

Die VW-Currywurst und der VW-Ketchup sind über Vertragshändler von Volkswagen abgepackt zu ordern. Das Produkt gibt es in Wolfsburg und sogar in weiten Teilen Niedersachsens in Supermärkten. Neben den oben erwähnten Automessen tritt der VW-Konzern quasi nicht mehr ohne seine Currywurst auf. So hieß es Ende Mai in der Pressemitteilung zur Unterstützung dieses Kulturevents: „Volkswagen ist wieder offizieller Partner des Echo Jazz und stellt seinen legendären Currywurststand und eine Shuttleflotte von 30 Fahrzeugen zur Verfügung.“ Neben dem Currywurststand begrüße die Gäste „auch das neue Beetle Cabriolet Sonderedition 60s in Candy-Weiß“, ja warum denn nicht passend rot-weiß? Der Burger-Beetle sei allerdings ausgestattet „mit einem satten Fender-Soundsystem“. Immerhin. Etwa ein halbes Jahr zuvor hatte der VW-Konzern auch die Benefizgala gegen Aids vermutlich aus strategischen Eroberungsgründen in der Currywursthochburg Berlin unterstützt mit der Ankündigung: „Zur Aftershow-Party gibt es die berühmte und schmackhafte Volkswagen Currywurst.“ Mahlzeit!

„Gehse inne stadt, wat macht Dich da satt? – ’ne Currywurst.

Kommse vonne schicht, wat schönret gibt et nich – als wie Currywurst.

Bisse richtig down, brauchse wat zu kau’n – ’ne Currywurst.“

Herbert Grönemeyer, Currywurst

Dabei landet die Currywurst in der Liste der beliebtesten Kantinengerichte nur auf Platz 7, weit hinter dem Spitzenreiter Schnitzel mit Pommes. Und von Mensen- und Kantinenfraß, oft „Essen mit Ekel-Faktor“ und trotz Subvention nicht billig, ernähren sich nach Recherchen der „Welt“ stolze 18 Millionen Deutsche täglich. Gleich unterläuft mir bei der Faktensuche im Internet ein freudscher Fehler: „Kantine – Restesammlung“ lese ich statt „Kantine – Rezeptesammlung“. Was aber kommt wohl als Nächstes aus den Küchen unserer Großunternehmen? Eon, einst als Unternehmensmarke in einer Kampagne mit dem kühlschrankschüttelnden Schwarzenegger bekannt gemacht, dürfte für einen Longdrink stehen („geschüttelt, nicht gerührt“). Siemens aus München muss für Weißwurst mit Brezeln herhalten. Die Metro muss aussetzen – die teuere, mittelmäßige Kantine der Zentale hier in Düsseldorf kenne ich zu genau. BASF stünde Astronautennahrung gut zu Gesicht. Die Deutsche Telekom liefert kein warmes Essen, weil die Mahlzeiten kalt werden in der Warteschleife. Und die Deutsche Post AG kann nur ein Geschäftsmodell kennen: Pizzabringdienste. Und weil’s der Kultsong zur Esslegende ist – hier live:

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