Wie Pilze

In wahnsinniger Windeseile wuchert aus dem Waldbogen dieses Gewächs, das früher fälschlich als Pflanze angesehen wurde, mit schlauchförmigen Stiel und kugelhaftem Hut. Foto: TG

Wie Pilze aus dem Boden sprossen zuletzt tagesaktuelle Meldungen und mit ihnen knuffige Köpfe zu allerlei Bemerkenswertem und Seltsamen. Zur Illustration wird Gazettelesern oben zwar nur ein einziger dieser fleischigen Organismen präsentiert, aber dafür ein keckes Prachtstück. Prachtvoll hob auch der ICE-Zugführer wohl wegen der mittlerweile schon 45-minütigen Verspätung auf der Rückfahrt von München übers Micro bedeutungsvoll an: „Werte Fahrgäste, wir fahren jetzt ein in den Bahnhof des Hauptbahnhofs.“ Wir Wartenden dankten ihm diese Schmonzette mit gutmütigem Lächeln, allerdings aus ohnmächtiger Geduldsamkeit und begleitet von einem ironischen Raunen zwischen Stolz und Vorurteil. Aber zur Sache:

Scheibe, Bibel, Barrikade

Vorstandschef Joe Kaeser (Foto: Siemens AG)

23. November: Die Erde sei eine Scheibe, behauptet der Amerikaner Mike „Mad Mike“ Hughes, der dies dieser Tage mit seinem Flug in einer selbst aus Altteilen gebauten Rakete beweisen will. Seine Anhänger sogenannter „Flatearther“ bekommen wieder vermehrt Zulauf in den USA. Das passt zum Zustand des Landes unter Präsident Trump. Die Vorstellungen von einer Erde in Scheibenform gehen zurück auf Ursprungsmythen in Mesopotamien. Die aktuelle Flat Earth Society hält die Lehre von einer Schallplatten-Erde als einzig konform mit der Bibel. Amen, armes Amerika. Das Siemens-Management mit seinen Plänen zur Restrukturierung im Konzern und die Unternehmensführung von Thyssen-Krupp mit seinen Verhandlungen zur Fusion mit Tata bringen die Belegschaften auf die Barrikaden. Siemens-Chef Joe Kaeser (oben links im Bild) tritt mit einem Brief an SPD-Chef Martin Schulz exemplarisch allen Vorwürfen entgegen: „Was den Weg nach vorne angeht, so möchte ich Ihnen zusichern, dass wir mit großer Sorgfalt und Respekt an die Lösung des Strukturwandels in der fossilen Energieerzeugung herangehen.“ Er nimmt für sich in Anspruch, die daraus resultierenden Probleme proaktiv anzugehen, die quasi die Politik mit der Energiewende erst verursacht hat. Über seine (politische) Zukunft vertagt dagegen vorerst der bayrische CSU-Ministerpräsident Horst „Hotte“ Seehofer seine Entscheidung. Basta!

24. November: Der Diensteanbieter Vogel Business Media GmbH & Co. KG will über seine Plattform „Industry of things“ einen „Austausch über Grenzen hinweg“ ermöglichen, wo heute als Gastautorin Tanja Rückert als President IoT & Digital Supply Chain bei SAP konstatiert: „Blockchain ist eine Technologie, die das Potenzial hat, ganze Branchen umzukrempeln.“ Denn Transaktionsdaten seien damit „vollständig und präzise“ zu speichern, so dass hier „eine ideale Lösung zur Gewährleistung von Genauigkeit und Sicherheit bei Seetransporten“ zur Verfügung stehe. Denn: „Mittels Blockchain könnte künftig jeder Schiffscontainer rund um die Welt verfolgt werden.“ Und zwar digital. Das Umkrempeln ist also untertrieben. Der Wandel der Prozesse im Seehandel kommt einer Mörderwelle gleich.

Tottenham, Turnaround und Türme

25. November: „Wir wollen den Turnaround mit ihm schaffen“, sagt BVB-Sportdirektor Michael Zorc in Bezug auf Trainer Peter Bosz vor dem heutigen Derby der Metropole Ruhr. Warum der „Kicker“ dazu noch mit einem Christoph Daum talkt, ist mir allerdings ein Rätsel. Nach dem Spiel indes hat die Wahrheit auf dem Platz bewiesen: Jawohl, der Turnaround vom 4:0 zum 4:4 ist geschafft. Also weiter so? Vermutlich ist der Coach doch nur wieder das am einfachsten auszuwechselnde Glied in der Fehlerkette und wird womöglich schon bald ausgewechselt, wenn keine wirkliche Wende sichtbar wird. Dabei trägt an der gefühlten Niederlage gegen Schalke meines Erachtens vor allem Borussia-Stürmer Aubameyang eine schwere Mitschuld: Er muss Götze das 5:0 auflegen und darf keine rote Karte kassieren. Erstgenannter fiel mir schon negativ lustlos im Spiel zuvor als kurzfristig und freundlichst eingeladener Zuschauer der Champions-League-Partie gegen Tottenham auf. Ebenso wie die spürbar um sich greifende Verunsicherung der Mannschaft nach Rückschlägen, denn ich behaupte: Den wahren Charakter zeigt ein Team, wenn’s nicht so läuft.

Wenn so genannte Steinmännchen als Wegzeichen dienen sollen, wohin wollen uns dann diese Stapel bloß hinführen? Dieses Durcheinander erinnert an den Aktionismus orientierungsloser Entscheider. Foto: TG

27. November: Wieder wie ein Vorwurf vermelden die Medien über das Vermögen eines Einzelnen „in der Reichen-Rangliste“: Das Kurs-Plus von 2,58 Prozent für Aktien seines börsennotierten Onlinehandelskonzerns Amazon habe den Ausschlag gegeben, dass Gründer Jeff Bezos nun Microsoftmann Bill Gates überholt hat, so Berechnungen des Finanzdienstleisters Blomberg. Der schwerreichste Mensch der Welt verfüge jetzt über 100 Milliarden US-Dollar, was erbärmlich knapp 84,20 Milliarden Euro entspricht. Ab wie viel Geld die armen Betroffenen wohl die Platzierung in dieser Tabelle wohl null mehr interessiert? Und ob wir für Bill Gates ein Spendenkonto doch besser einrichten sollten?
Fast ebenso bedrohlich im Negativen sticht auch die zweite Meldung ins Auge: Spricht das Gericht fünf Jahre nach der Insolvenz nun gegen die Schleckers eine Gefängnisstrafe aus? Anton als Einzelkaufmann hafte für seine Firma mit allem, was er besaß, und soll Geld vor den Gläubigern in Sicherheit gebracht haben. Die Staatsanwaltschaft fordert drei Jahre Haft. Seine Kinder Meike (2 Jahre, 8 Monate) und Lars (2 Jahre, 10 Monate) sind mitangeklagt. (Beihilfe zum) Bankrott, Untreue und Verschleppung der Insolvenz stehen als Vorwürfe im Raum. Doch nach dieser Vorberichterstattung kommt Anton heute vor dem Landgericht Stuttgart mit einer zweijährigen Bewährungsstrafe plus 54.000 Euro Geldstrafe davon. Die Kinder jedoch verurteilen die Richter zu Haftstrafen von 32 Monaten bzw. 33 Monaten. Die Verteidiger lassen die Entscheidung über eine Revision offen. So offen wie der Ausgang der noch anhängigen Zivilprozesse in Zwickau und Linz, die Mitte Dezember beginnen.

Und noch eine Schreckensmeldung: Deutschlands zweitgrößter Küchenhersteller Alno mit 1.000 Mitarbeitern wird abgewickelt. Die letzten Verkaufsverhandlungen seien gescheitert, teilte Insolvenzverwalter Martin Hörmann mit. Bange Frage: Können unsere Unternehmen außer Flughäfen und Philharmonien nun auch Küchen nicht mehr funktionierend bauen? Also hier im Sinne von profitabel. Traurig. Dafür allerdings hat Dieter Bohlens „Ex“, Nadja abd el Farrag, endlich wieder einen Job: „Pleite, todkrank und fast obdachlos“ habe eine Secondhand-Möbelkette einen Weihnachtsmarkt organisiert – mit Naddel als Highlight.

Teilhabe und Verteilungskampf

28. November: Interessanter aktueller Aspekt zu einer langjährigen Diskussion: Aktien für Mitarbeiter als Teilhabe am Unternehmen, das sie beschäftigt, bieten zwar 70 Prozent der großen Börsenkonzerne, aber nicht für alle Beschäftigten. Damit werde das Potenzial für mehr Beteiligung „oft noch nicht ausgeschöpft“, kommentiert die gewerkschaftsnahe Hans-Böckler-Stiftung die Ergebnisse der eigens beauftragten Studie zu dieser Art der Mitbestimmung. Die Forscher vermuten, dass Belegschaftsaktien vor allem für Führungskräfte als Erfolgsbeteiligung gedacht und eingesetzt sind. Belegschaftsaktien seien dazu geeignet, „die unternehmerische Mitbestimmung zu ergänzen“, müssten dafür „aber weiter verbreitet und demokratischer zugänglich“ sein. Die Kapitalbeteiligung stelle allerdings „keinen Ersatz für tarifvertragliche Gehaltsbestandteile und angestammte Mitbestimmungsrechte“ dar. Nach Auffassung der Studienautoren tragen Arbeitnehmer ein „doppeltes Risiko“, wenn das Unternehmen in eine existenzielle Krise gerät: Zum Verlust des Arbeitsplatzes drohe der Wertverlust der Aktien.

Vom „Zwei-Klassen-System“ berichtet auch die „Berliner Zeitung“ unter dem Reizbegriff „Verteilungskampf“ darüber, dass Unternehmen wie Daimler und Zalando jetzt Kita-Plätze quasi vor den Augen der Eltern wegkaufen, um ihren Mitarbeitern hier Vorteile zu bieten. Die Betreuung nicht nur junger Menschen verkommt mittlerweile hierzulande zu einem Notstand. Neben Plätzen fehlt oft Personal, so dass Kita-Beschäftigte wie Kraken neben dem „Kaka“-Windeln-Wechseln noch Kunst-, Sport- und Kursprogramm am liebsten in zwölf Sprachen unseren lieben Kleinen angedeihen lassen. Mutti möchte der Arbeitgeber nämlich wegen Kräftemangel gerne gleich nach der Entbindung am Arbeitsplatz wiedersehen. Wenn dann aber die Obhut, die der Staat per Rechtsanspruch verspricht, nicht gegeben ist: Wo soll das nur hinführen?

Nadella, Nutella, NewNRW

CEO Satya Nadella (Foto: Microsoft)

29. November: Ihre Cloud-Produkte verzahnen, um ihren Kunden den sicheren Weg in die digitale Transformation zu ebnen, wollen Microsoft  und SAP. Microsoft-CEO Satya Nadella (links im Bild) sagt: „Wir setzen nicht nur gegenseitig auf unsere Lösungen, um unser eigenes Business zu stärken.“ Das „nicht nur“ hätte er weglassen dürfen. Sprachlich noch netter wäre, wenn demnächst Nadella für Nutella mit Ferrero kooperieren würde.
Wissen für „Smart Energy“ sammeln und vermitteln soll ein Hochschul-Netzwerk für Unternehmen und Institutionen, das jetzt als neues „Virtuelles Institut“ (VISE) gegründet wurde. „Neue Geschäftsmodelle, Dienstleistungen und innovative Produkte“ sollen nach Wunsch von NRW-Wirtschaftsminister Pinkwart entstehen, um Nordrhein-Westfalen als „Vorreiter im digitalen Transformationsprozess“ davon galoppieren zu lassen. Hü-hott, aber was machen Eon und RWE in der Zeit?

30. November: Historisches aus der Hansestadt – mit dem Verkauf der Reederei Hamburg Süd an den dänischen Marktführer Maersk zieht sich die Oetker-Gruppe nach mehr als 80 Jahren aus der Schifffahrt zurück und konzentriert sein Portfolio bescheiden auf Kuchen und Tiefkühlpizzen, Bank, Bier und andere alkoholische Getränke.
„Es geht darum, Mehrwert für den Kunden zu schaffen“, sagt Masterflex-Vorstandschef Dr. Andreas Bastin wie in Marmor gemeißelt in der Überschrift. Diese Aussage im Exklusiv-Interview ist deshalb so bemerkenswert und lebenserhaltend, weil der Schlauchspezialist aus dem Ruhrgebiet so stark darauf setzt bei der Bewältigung von Turnaround und Transformation. Damit gelang sogar die Trendwende „auf Messers Schneide“, wie er berichtet.

Abschied von der Schifffahrt muss für Oetker nicht heißen, dass die vielen anderen Produkte des Portfolios nicht den Seeweg nehmen. Foto: Hamburg Süd

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