Wie’s wirkt

Wie’s wirkt? „Auf der Fahrt zur Hölle erleben Sie im Wartezimmer zum Jenseits alle Variationen des Schreckens!“, wie es im Trailer zum „Thriller“ treffend heißt. Aus eigener Betroffenheit durch zuletzt ausgiebigen Arztpraxenkontakt – allen voran in Wartezimmern – weiß ich aktuell zu berichten, was wirkt und was wankt in unserem Gesundheitswesen, auf welches das obige Filmzitat übertragbar ist. Zunächst entschuldigen die zahlreichen Konsultationen von Allgemein- und Fachmedizinern meine lange Pause an dieser Stelle. Denn jeder Mensch mit ähnlichen Erfahrungen erlebt praktisch hautnah als Erkenntnis: Für Untersuchungen abseits von nullachtfünfzehn bringt man besser viel Zeit und noch mehr Durchhaltevermögen mit. Wenn es überhaupt soweit kommt, weil der winselnd vorgebrachte Terminwunsch am Telefon etwa schroff versagt bleibt mit Verweis auf akuten Aufnahmestopp oder früheste Sprechzeitenvergaben erst wieder ab dem Jahr 2024. Keine Frage: Das Rare zwingt jeden Patienten in die Knie. So stellt er keinerlei unverschämte Ansprüche wie Kunden in anderen Geschäftszweigen. Ich hingegen fordere hier lauthals, auch Approbierten mit miesem oder mit keinem Service etwas zu husten.

Wie’s wirkt in Pleiten und
in Prozessen von Heilern?

Wieso dürfen Akteure, ob Arzt oder Apotheker sowie Krankenhausbetreiber, derart schlecht organisiert sein, dass Hilfesuchende wie ich innerlich einen Wutanfall bekommen angesichts von Ablaufhürden, Prozesskapriolen und Mehrfacharbeit? Sind in letzter Zeit auffällige  Insolvenzfälle von niedergelassenen Freiberuflern in Heilberufen und von Klinikbetrieben am Ende gar systemimmanent wegen Mangelmanagement und Misswirtschaft oder doch eher auf die dauernd von uns üppig gefüllten und trotzdem ständig knappen Kassen zurückzuführen? Fahren Hausarzt und Patient womöglich besser, wenn sie direkt miteinander abrechnen, denn mehr als angeblich 3,49 Stundenlohn wären dann allemal drin. Andererseits: Wer soll dann die immer noch stolzen 118 Krankenkassen unterhalten? Obwohl: Würden nicht endlich 18 reichen? Vor 20 Jahren waren es übrigens noch 642, und 1993 sogar stramme 1221, was sich der GKV-Spitzenverband auch noch ohne Scham traut zu veröffentlichen! Indes: In diesen behördenartigen Organisationen sind prima Pöstchen in Spitzenpositionen zu vergeben, die Parteien womöglich nutzen um ihre Taugenichtse im Warmen unterzubringen.

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Medizin 4.0: Dieses luxuriöse Zentrum für hoffentlich verdauungsfördernde Spiegelungen fand in Frankreich ein für Skurriles aufmerksamer Berufskollege, mit dem ich ohne direkten Arbeitskontakt nun schon 15 Jahre fachlich-freundschaftlich verbunden bin. Einen Digestif, etwa einen Magenbitter, als „Zerhacker“ nach dem Essen haben wir indes noch nie zusammen getrunken. Foto: Norbert Lehmann

Zigfach habe ich mich jedenfalls dabei erwischt, aufgrund von eigenen Beobachtungen verbessernd eingreifen zu wollen in die Wertschöpfungskette zwischen erstem Akquisitionsgespräch, Diagnose und möglicher Therapie. Beispielsweise würde ich gerne so mancher Arzthelferin im Empfang die genervte Pampigkeit durch verpflichtende Wochenendschulungen in pfleglicher Kundenbehandlung austreiben wollen. Gruselige Einrichtung und schäbige Ausstattung schrecken ab zwischen vergilbten Geräten und uraltem Lesestoff. Langweilig ähnliche Fragebogen bei jedem Mediziner ständig erneut ausfüllen zu müssen, muss meiner Meinung nach genauso wenig sein, wie ungefähr vier Mal gleichgelagerte Untersuchungen. Warten, wiederholen, wiederkehren – der Modus Procedendi in der Medizin mag mir mitunter schlicht nicht einleuchten. Wieso etwa die Erstbehandlung in der Ambulanz eines Krankenhauses für einen altersschwachen 80-Jährigen bis zu acht Stunden dauern muss und selbst eine „geplante Aufnahme“ von der Ankunft bis zum Eintreffen auf dem Stationszimmer noch auf drei Stunden kommt, diesen Wahnsinn will ich beim besten Willen  nicht verstehen. Auch nicht bei allem Verständnis für punktuell personelle Unterbesetzung, die immer als Ausrede herhalten muss und sicher kein permanenter Normalnotfall sein sollte, wenn unser oft gelobtes Gesundheitssystem keinen Sanierungsfall abgeben möchte. Schreien könnte man da als Kranker nicht nur vor Schmerzen. Zur Beruhigung verordne ich deshalb eine Dosis von erfindungsreichem Dori- bzw. besser Nemo-gleichem „Wartezimmer TV“:

Kriegsschauplatz
Gesundheitswesen

Außerhalb von ärztlichen Ausdaueraufenthaltsangeboten und klinischen Engelsgeduldsszonen tobt derweil mal wieder eine verrückte Schlacht zwischen Krankenkriegsgewinnlern wie lobbygeilen Gesundheitspolitikern und besorgniserregenden Branchenverbandsfürsten. Die Erstgenannten erkennen Bedürftige als Interessengruppe erst immer kurz vor Wahlen, die Zweitgenannten wollen nichts als Pfründe sichern. Und mit beiden scheinen Pharmaindustrie und Medizingerätehersteller wie mit Marionetten zu spielen. Reformen gehen immer gut als willkommenes Thema öffentlicher Diskussionen – ob im Gesundheitsgeschäft oder im Schulsektor. So hat die Ankündigung „untypischer Beitragserhöhungen“ (haha, süßer Pseudogegensatz!) für Mitglieder der Privaten Krankenversicherung durch das geschäftsführende Verbandsvorstandsmitglied Volker Leienbach gegen Ende September eine „Debatte um Sinn und Unsinn des Nebeneinanders von gesetzlicher und privater Krankenversicherung neu befeuert“, wie die Stuttgarter Nachrichten (SN) die unsägliche Diskussion zusammenfasst.

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Prof. Dr. med. Dr. sc. Karl Lauterbach. Foto: spdfraktion.de (Susie Knoll, Florian Jänicke)

Die Ankündigung widerum ließ SPD-Bundestagsfraktionsvizevorsitzenden Karl Lauterbach (nur echt mit Propeller am Hals!) auf den Plan treten: Es sei endlich Zeit für ein Ende des Dualismus, womit er für ein Modell der einheitlichen Bürgerversicherung warb. Das Nebeneinander führe zu einem unproduktiven und schädlichen Wettbewerb, weshalb unsereins sich fragt, warum die Zweiklassenmedizin nicht schon längst abgeschafft ist. Ach, ja: Dann müssten man Gravierendes ändern. Mehr langfristig Veränderungsbedarf, der dann vermutlich im Sande verläuft, sieht auch der herbeigesprungene CDU-Gesundheitsexperte Michael Lauterich, nein: Hennrich, der „eine Zusammenführung der Gebührenordnungen für die ärztliche Vergütung von privaten und gesetzlichen Kassen“ fordert. Privaten allerdings sollten „bei einem mehr an Qualität auch Abweichungen nach oben“ garantiert bleiben, wie die SN das kryptische Zitat wiedergibt.  Vom Unionspolitiker erhoffter Nebeneffekt: Bei gleicher Vergütung würde das Dauerproblem der angeblichen Bevorzugung oder auch Überversorgung von Privatpatienten verschwinden. Wie der unschöne Geruch vom Acht-Bett-Krankenzimmer. Einen Einspielwitz mit Bezug zur Beruhigung gefällig?

Betrug und Strafe,
Pest und Cholera

Ins Horrorbild passt die gewissermaßen Selbstanzeige von TK-Chef Jens Baas im FAS-Interview, dass Krankenkassen über Manipulationen von Diagnosen bei der Abrechung betrügen. Sein Bekenntnis lautet verdichtet in der Überschrift: „Wir Krankenkassen schummeln ständig.“ Die Delikte zwischen Kasse und Krankenbetreuer demonstriert er dabei symptomatisch an Depressionen: Die übellaunige Verstimmung erhält ein Upgrade zur massiven seelischen Erkrankung. Die verleiteten Ärzte stellen eine schlimmere Diagnose als angezeigt, wodurch die Kassen mehr Geld aus dem Gesundheitsfonds bekommen, in den die Beiträge aller Versicherten fließen. Reflexhaft wies AOK-Vorstand Martin Litsch alle Vorwürfe bezüglich „Finanz-Schmu“ zurück, wie das Hamburger Abendblatt über die Betrugsvorwürfe berichtet. Na klar stellte die Deutsche Stiftung Patientenschutz eine Strafanzeige und erklärte deren Vorstand und Patientenschützer Nr. 1, Eugen Brrrrrrysch, dass eine Strafbarkeit wegen schweren Betrugs möglich sei, auch wenn ich die r-Taste aus Versehen zu lange drücke. Und sicher forderte Wolfgang Wodarg als Vorstand der sonst lobenswerten Antikorruptionsorganisation Transparancy – gähn, mummel, schnach! – „die Politik und die Justiz zum Handeln auf“, wie es dann immer so brav heißt.

Doch hinterher passiert meist nichts oder noch Schlimmeres. Andererseits geht’s in ähnlich entwickelten Ländern wie in den USA auch noch schlimmer als hierzulande, so dass unser Gesundheitswesen als spitze erscheint. Aber bekanntlich ist das Gute der Feind des Besseren, und umgekehrt ist die Wahl zwischen Pest und Cholera kein akzeptables Angebot für Erkrankte. Als tapfer zahlender Versicherter bleibt das mulmige Gefühl, dass im System zu viele Bazillen mitverdienen. Was wirkt besser als die Gier nach Geld? Genau: Print wirkt! Das möchten zumindest die Urheber der nachfolgenden Eigenanzeige glauben machen, die ich jüngst in einer Fachzeitschrift fand und in der als Hütchenspieler-Trick greift: Einfach eine fette rote Überschrift mit einer Behauptung nebst Ausrufezeichen auf schwarzem Grund herausbrüllen, den längsten Balken mit den meisten Prozenten dem eigenen Medium zuschreiben und bloß keine Quelle nennen. Auch mit solchen betrügerischen Therapien lassen sich krankende Branchen vielleicht heilen. Oder eben doch besser mit der Empfehlung des griechischen Arztes und Vater der Heilkunde, Hippokrates von Kos: „Wer stark, gesund und jung bleiben will, sei mäßig, übe den Körper, atme reine Luft und heile sein Weh eher durch Fasten als durch Medikamente.“

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Wie’s wirkt, wenn Werber aufs Wesentliche aufmerksam machen.

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